WM-Qualifikation: Verdammt, wir fahren nach Katar!

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P. Köster: Kabinenpredigt
Verdammt, wir fahren nach Katar!

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stern-Stimme Philipp Koester und die Nationalmannschaft

Die Qualifikation für die umstrittene WM in Katar löst bei den Nationalspielern keine Euphorie aus.

© Nikolaj Dojchinow / AFP

Die Nationalelf hat sich für die WM qualifiziert. Dass es dafür keinen Jubel, sondern nur Achselzucken gibt, hat sich die Mannschaft selbst zuzuschreiben, sagt stern-Stimme Philipp Köster.

Man hat schon größeren Jubel gesehen als jenen, der am Montagabend im Stadion von Skopje nach dem Schlusspfiff losbrach. Die Nationalspieler umarmten sich zwar und wurden vom sichtlich erleichterten Bundestrainer Hansi Flick geherzt. Damit hatte es sich dann aber auch, das 4:0 gegen Nordmazedonien und die damit verbundene Qualifikation für die Weltmeisterschaft im nächsten Jahr wurde nicht einmal mit einer bierseligen Feier im Entmüdungsbecken begangen. Boulevard-Reporter fanden später in der Kabine Bananenchips und halb ausgequetschte Gel-Drinks.

Die biedere Party der Nationalelf spiegelte ziemlich exakt die Stimmung im Fußballvolk wider, das sich auch sehr gerne auf die Weltmeisterschaft freuen würde. Die Stimmung allerdings ist mies, aus vielerlei Gründen. Da ist zunächst einmal das nachhaltig zerrüttete Verhältnis des Publikums zur Nationalelf. Lange vorbei sind die Zeiten, als Länderspiele die Massen vor den Fernseher zogen. Letztes Jahr schlug sogar eine gut abgehangene Folge „Bares für Rares“ die Nationalelf bei den TV-Quoten.

Katar: WM-Gastgeber sorgt für miese Stimmung

Was nicht nur am miserablen Abschneiden bei den Turnieren liegt, sondern vielmehr an der Inszenierung als aseptische Truppe ohne Herz und Charakter, symbolhaft verdichtet im PR-Namen „Die Mannschaft“, der auf einem erfundenen Zitat basiert und von niemandem auf der Welt benutzt wird – außer von Manager Oliver Bierhoff, der ihr das klebrige Etikett nach dem WM-Sieg 2014 verpasst hat. Zwar bemühen sich manche Nationalspieler inzwischen um mehr Basisnähe, wie gereizt jedoch die Stimmung ist, zeigte die Aufregung um ein paar abgeklebte Fenster im Hotel der Nationalelf in Hamburg. Alles wird derzeit als Arroganz und Abschottung gewertet. Man traut der Truppe alles zu.

Mindestens ebenso schlechte Laune macht dem Volk der Austragungsort der WM, das Emirat Katar. Den Zuschlag für das Turnier hat sich das Land durch generalstabsmäßige Bestechung in schwindelerregenden finanziellen Dimensionen ergaunert. Die Geldströme auf die Konten einschlägiger Fifa-Funktionäre sind durch diverse Gerichtsverfahren bestens dokumentiert. Schlimmer noch als der bei der Vergabe solcher Events beinahe übliche Bakschisch sind die Zustände im Emirat, das Frauen als Bürger zweiter Klasse behandelt, das Homosexuelle verfolgt und das für seine schmucken Stadien unzählige Gastarbeiter wie Sklaven behandelt und notfalls auch auf schlecht gesicherten Baustellen sterben lässt.

Fußball in Stadien, für die Menschen sterben mussten

Will man Fußball in Stadien sehen, für die viele Menschen sterben mussten, fragen sich viele Fans und können es nicht fassen, dass immer noch so viele Prominente sich vor den PR-Karren des Emirs spannen lassen. Jürgen Klinsmann etwa, der sich auf die „vielleicht beste WM aller Zeiten“ freut und sich zur Prophezeiung verstieg, „die gesamte Region“ werde zeigen wollen, was sie fußballerisch und touristisch so draufhabe. Eingedenk der Tatsache, dass das winzige Scheichtum in der gesamten Golfregion seit Jahren isoliert ist, war das ein irrwitziger Ausflug ins geopolitische Phantasialand und ein Vorgeschmack darauf, was uns in den kommenden eineinhalb Jahren erwartet, nämlich die Schönfärberei Katars als weltoffenes und friedfertiges Land.

Viele Fußballfans haben für sich die Entscheidung getroffen, dieser PR-Veranstaltung nicht beiwohnen zu wollen. Eine Mehrheit der Bevölkerung hält auch einen Boykott für wünschenswert. Ein solches Fernbleiben wird jedoch in der sportlichen Führung der Nationalelf nicht einmal ansatzweise diskutiert. Das ist auch verständlich. Ein solches Turnier ist für viele Nationalspieler ein Höhepunkt ihres Fußballerlebens.

Gelten Rassismus-Kampagnen nur im Inhalt, DFB?

Weniger verständlich jedoch ist, dass es bei der Nationalelf offenbar nicht einmal den Versuch gibt, eine von Moral, Anstand und Empathie getragene Haltung zum Turnier in Katar zu entwickeln. Das muss nicht Fundamentalopposition bedeuten, sondern zunächst einmal die Verpflichtung, sich gründlich über die Verhältnisse im Gastgeberland zu informieren. Und aus dieser Informiertheit heraus den eigenen Einfluss effektiv zu nutzen, um die Zustände vor Ort besser zu machen.

Anders gefragt: Warum fordern die Nationalspieler nicht in einer gemeinsamen Resolution schnelle und effektive Verbesserungen auf den WM-Baustellen? Warum erheben Nationalspieler aller Länder nicht zusammen die Stimme für die Rechte der Homosexuellen in Katar? Und warum ist von einem mächtigen Verband wie dem DFB nichts zu hören? Gelten dessen Kampagnen für Vielfalt und gegen Rassismus nur im Inland? Nein, jeder hat die Wahl, sich auf seine Weise für eine bessere, menschenfreundlichere WM in Katar zu engagieren.

Endlich das dröhnende Schweigen beenden

Klar ist schon jetzt: Das Turnier wird alle Zeiten das Image einer ausschließlich wirtschaftlich und für den Ausrichter geopolitisch einträglichen Veranstaltung behalten, zustande gekommen durch Bestechung, und durchgeführt in einem Land, dessen Fußballkultur arg überschaubar ist. Ein Boykott allerdings würde die Situation der Arbeiter in Katar nicht verbessern. Ein derart bloßgestelltes Emirat würde im Gegenteil zurückfallen, weit hinter die zaghaften Reformen der letzten Jahre. Stattdessen müssen die großen Fußballnationen, die einflussreichen Fifa-Funktionäre, die TV-Sender und Sponsoren endlich das dröhnende Schweigen beenden, mit dem sie die immer neuen Schreckensmeldungen vom persischen Golf quittieren. Sie müssen unter Androhung echter Konsequenzen wie der Aufkündigung bestehender Kooperationen und Verträge auf die Umsetzung der lang versprochenen Reformen dringen.

Die Nationalmannschaft könnte diesen Prozess anstoßen. Und so auch die Herzen vieler Fußballfreunde zurückerobern.



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