WM-Qualifikation
Fahndung nach einem Mittelstürmer

Timo Werner

Timo Werner beim WM-Qualifikationsspiel gegen Rumänien

© Axel Heimken / DPA

Junger Mann zum Mitreisen gesucht: Im WM-Qualifikationsspiel gegen Rumänien wird deutlich, dass es der deutschen Nationalmannschaft an einem konkurrenzfähigen Mittelstürmer mangelt. Timo Werner ist mit dieser Planstelle derzeit überfordert.

Es ging schon auf Mitternacht zu, als sich Hansi Flick mit einer Frage konfrontiert sah, die er so gar nicht mochte. Ob das Spiel gegen Rumänien nicht gezeigt habe, dass der deutschen Mannschaft ein Mittelstürmer gefehlt habe, verlautete es aus der internationalen Pressekonferenz. „Ich gebe die Frage zurück“, brummte der Bundestrainer. „Sagen Sie doch mal, was ist das überhaupt: ein Mittelstürmer?“

Ein Mittelstürmer, so könnte man nach dem mühevollen 2:1-Sieg des DFB-Teams gegen Rumänien sagen, ist ein Angreifer, der stets anspielbereit ist im gegnerischen Strafraum. Der auch mal mit dem Rücken zum Tor steht und trotzdem weiß, wo der rechte und der linke Winkel ist. Der gefürchtet ist wegen seiner Kopfballstärke. Der sich von seinem Instinkt leiten lässt und im richtigen Moment an der richtigen Stelle steht, um den Ball über die Torlinie zu schieben.

Man könnte auch sagen: Ein Mittelstürmer ist das Gegenteil dessen, was derzeit Timo Werner verkörpert, der zentrale Angreifer der deutschen Nationalmannschaft.

Als Werner in der 67. Minute für Thomas Müller ausgewechselt wurde, muss dies eine Erlösung für ihn gewesen sein. Sekunden zuvor hatte er mal wieder eine scharfe Hereingabe verpasst. An guten Tagen hätte er den Ball mit dem Knie ins Tor bugsiert, so aber rauschte die Kugel an ihm vorbei – wie so oft an diesem Abend im Hamburger Volksparkstadion. Werner war zu bedauern, er mühte sich, er kämpfte, war ständig unterwegs, aber oftmals auf Wegen, die allein er kannte.

Hansi Flick will nicht strafen, er will Timo Werner aufbauen

Dass Flick dem Treiben so lange zuschaute, sagt zweierlei aus: Erstens versteht sich Flick nicht nur als Trainer seiner Spieler, sondern auch als deren Beschützer. Eine frühe Auswechselung wäre wie eine Ohrfeige für Werner gewesen. Flick jedoch will nicht strafen, er will Werner aufbauen. Auch beim FC Chelsea hat es der gebürtige Stuttgarter schwer. Dort hat ihn Romelu Lukaku verdrängt, den Chelsea zu Saisonbeginn für 115 Millionen Euro vom italienischen Meister Inter Mailand holte.

Und zweitens hielt Flick deshalb so lange an Werner fest, weil es ihm an Alternativen mangelt. Die Position 11 im deutschen Spiel ist eine Leerstelle, ein gelernter Mittelstürmer fehlt, seit sich Miroslav Klose nach der WM 2014 aus der Nationalelf verabschiedet hat. 

Als Werner das Spielfeld verließ gegen Rumänien, schickte Flick dessen Vereinskollegen Kai Havertz ins Zentrum. Eine Notlösung, Havertz kann diese Position zwar bekleiden, weil er vielseitig ist wie kaum ein anderer Spieler in Europa, aber das Spiel über die Flügel liegt ihm eigentlich mehr.

Die Vakanz in der Sturmspitze hat Flick von seinem Vorgänger Joachim Löw geerbt. Der war ein Bewunderer des spanischen Fußballs, der in seiner stärksten Phase ohne Mittelstürmer auskam. Pep Guardiola löste beim FC Barcelona die klassischen Jobprofile auf: Ein Mittelfeldspieler war für ihn stets Vorbereiter und Vollstrecker zugleich; Guardiola trieb diese ständigen Rollenwechsel auf die Spitze – oft zur Verwirrung des Gegners, der keinen Zugriff aufs Spiel fand, weil sich ständig dessen Statik änderte.

Timo Werner im Zweikampf mit Andrei Burca

Timo Werner im Zweikampf mit Andrei Burca

© EIBNER/Michael Memmler / Picture Alliance

Viele hochbegabte Zehner, aber keinen einzigen Elfer

Die Spanische Schule hat zu einer Unwucht im deutschen Kader geführt: Es gibt viele hochbegabte Zehner (Müller, Reus, Musiala, Wirtz), aber keinen einzigen Elfer. Löw hielt das nie für ein Problem, er forderte und förderte keine Mittelstürmer, oftmals mit Verweis auf die großen Erfolge der Spanier. Doch der Fußball hat sich weiterentwickelt. Die meisten großen Mannschaften werden heute von ihren Mittelstürmern geprägt: Paris Saint-Germain von Kylian Mbappé, Real Madrid von Karim Benzema, Chelsea von Romelu Lukaku, Manchester United von Edinson Cavani, der FC Bayern von Robert Lewandowski und das vergleichsweise kleinere Dortmund von Erling Haaland.

Eine schnelle Besetzung der offenen Planstelle in der Nationalmannschaft ist nicht in Sicht. Aus der U21 des DFB drängt zwar Karim Adeyemi (RB Salzburg) nach, aber er besticht durch Tempo und Technik und nicht durch Wucht und Kopfballspiel. Vielleicht könnte Lukas Nmecha, 22 Jahre alt und 1,85 Meter groß, später einmal ein Kandidat für Flick sein. Er gilt als sehr talentiert, muss sich beim VfL Wolfsburg aber erstmal einen Stammplatz erkämpfen.

Hansi Flick wird also weiter improvisieren und seinen derzeit glücklosen Angreifer Werner stützen müssen. Schon an diesem Montag steht das nächste Spiel an; in Skopje spielt das DFB-Team gegen Nordmazedonien. Bei einem Sieg sind die Deutschen vorzeitig für die WM 2022 in Katar qualifiziert. Ganz ohne Mittelstürmer. 



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