Wirt erhebt Vorwürfe nach tödlicher Auseinandersetzung auf Zülpicher Straße



Am Wochenende wurde ein junger Mann auf der Zülpicher Straße erstochen. Es ist die Eskalation einer Situation, die den Anwohnern und Gastronomen des Kölner Stadtteils schon lange ein Dorn im Auge ist.

Kerzen, Blumen, Fotos: Auf der Zülpicher Straße in Köln haben Freunde und Bekannte eine Gedenkstätte für den 18-jährigen Joel eingerichtet. Er starb hier am vergangenen Wochenende. Joel war in der Nacht auf Samstag in einen Streit geraten, der eskalierte – er wurde mit einer Stichwaffe verletzt, starb kurze Zeit später im Krankenhaus. Die Rettungskräfte, schnell am Tatort, konnten ihn nicht mehr retten.

Noch in derselben Nacht nahm die Polizei unweit des Tatorts fünf Tatverdächtige fest. Ein 16-Jähriger steht nun im dringenden Verdacht, dem Opfer die tödlichen Stichverletzungen im Oberkörper zugefügt zu haben. Er sitzt in Haft.

Immer wieder bleiben Menschen an der Gedenkstätte stehen, ungläubig, fassungslos: „Man muss wirklich aufpassen, was hier passiert“, sagt einer der Passanten, den die Brutalität der Auseinandersetzung schockiert.

Auch eine Frau bleibt sichtlich berührt stehen: „Ist der Junge hier ermordet worden?“, fragt sie und kann kaum begreifen, was sich hier am Wochenende zugetragen hat.

Bereits im letzten Jahr kam es zu einer Messerstecherei

Die Zülpicher Straße im Kwartier Latäng ist eine der beliebtesten Kölner Kneipenmeilen. Am Wochenende füllen sich die umliegenden Straßen und Gaststätten mit Menschen. Es wird gefeiert, getrunken, gelacht – immer wieder aber auch geschlagen, getreten und gestochen.

So kam es im letzten Sommer vor dem „Mojitos“ zu einer Messerstecherei, bei der ein 33-jähriger Mann schwer verletzt wurde. Tote gab es damals zum Glück nicht. Nun nimmt die Gewalt in Kölns Ausgehviertel zu – diesen Eindruck teilen mehrere Beobachter der Szene.

„Es ist eine Entwicklung, die wir leider schon seit einigen Jahren bemerken“, erzählt Gastronom Markus Vogt. Der Wirt betreibt seit 16 Jahren das „Soylent Green“ auf der Kyffhäuser Straße und seit dem letzten Jahr auch das „Kwartier“ auf der Zülpicher. Er ist auch Vorsitzender der Vereinigung „Gastro Kwartier Latäng“.

Seine beiden Läden liegen unweit des Tatorts: Vogt erinnert sich an die Nacht, in der der 18-Jährige starb: „Ein paar Stunden vor der Messerstecherei war ich noch auf der Zülpicher unterwegs und die Stimmung war da bereits sehr merkwürdig und angespannt.“

Die Tat ist Gesprächsthema im Veedel, meint Vogt: „Ich habe auch mit ein paar Kumpels des Opfers gesprochen, die konnten es gar nicht fassen. Das waren aber auch keine Krawallmacher, sondern gute Jungs.“

Gastronom Markus Vogt: „Es wird aggressiver“

Der 49-jährige Kneipier kritisiert die Entwicklungen schon lange: „Es wird aggressiver, auch weil sich das Publikum verändert“, so Vogt. Früher war das Kwartier Latäng hauptsächlich bei Studenten beliebt, die sich hier auf ein Bier trafen – heute ist das Partyvolk jünger geworden: „Es kommen immer jüngere Menschen ins Kwartier, die auch jede Menge Alkohol trinken, aber damit nicht umgehen können.“

Zudem, so Vogt, siedeln sich an der Zülpicher Straße immer mehr Läden an, die mit dem einstigen Flair im Veedel nichts mehr zu tun haben: Bars und Kneipen etwa, die gezielt ein jüngeres Klientel anlocken, das ansonsten eher auf den Ringen anzutreffen sei.

Aber auch die Coronavirus-Pandemie spiele eine Rolle: „Da die Diskotheken und Clubs noch immer geschlossen sind, gehen die Leute woanders feiern – zum Beispiel hier im Kwartier Latäng auf der Straße.“

Wirte wollen enger mit Polizei und Ordnungsamt arbeiten

Jetzt sei die Zülpicher Straße überladen. Je mehr Menschen sich auf den Bordsteinen knubbeln, desto höher auch das Konfliktpotenzial: „Da ist auch das Ordnungsamt in der Pflicht, problematische Läden und Gruppen zu kontrollieren, aber das geschieht nicht. Das hat dann natürlich auch einen Lerneffekt, dass jeder machen kann, was er will.“

Bereits vor einiger Zeit hatte Vogt die Bildung einer ‚Taskforce‘ angestrebt: An den Wochenenden sollten Vertreter von Polizei und Ordnungsamt gemeinsam mit Vertretern aus der Gastronomie losziehen, um die Situation zu beobachten und zusammen nach Lösungen suchen. Diese Bitte wurde jedoch von den zuständigen Stellen abgelehnt.

Wenige Tage vor dem Tötungsdelikt des letzten Wochenendes habe Vogt noch einmal einen Brandbrief an das Ordnungsamt geschrieben und auf eine Lösung des Problems gedrängt. Vergeblich. Am Samstag dann floss Blut: „Ich befürchte jetzt, dass wieder die Gastronomie als Sündenbock herhalten muss, dabei engagiert sich unser Verein aktiv für eine Entschärfung der Lage.“

Wie Vogt weiter ausführt, wünschen sich er und seine Kollegen, dass die Polizei und das Ordnungsamt enger mit den ansässigen Gastronomen zusammenarbeiten würden, um gemeinsame Lösungsstrategien zu finden: “Wir müssen jetzt aber sehen, ob da was kommt”, sagt Vogt und fügt hinzu: „Es war sicherlich nicht das letzte Mal, dass sich so eine Tat ereignet, wenn nicht etwas geschieht.“

Stadtdirektorin Blome äußert sich

Stadtdirektorin Andrea Blome äußerte sich auf t-online-Anfrage dazu wie folgt: „Meine Gedanken sind bei den Angehörigen, die den Verlust eines geliebten Menschen erlitten haben. Sie haben mein tief empfundenes Mitgefühl.“

Sie habe Verständnis für alle Menschen, die in den Abendstunden rund um die Zülpicher Straße ausgehen und feiern wollen. „Jedoch überschreitet diese Eskalation von Gewalt jegliche Toleranzgrenze. Ich werde mich kurzfristig mit der Polizei, den städtischen und den lokalen Akteuren zusammensetzen, mit dem Ziel, eine gemeinsam getragene lokale Agenda sowie kurzfristig wirkende Maßnahmen zu entwickeln.“

Bürgermeister Hupke fordert Streetworker und Sozialarbeiter

Auch Andreas Hupke, der Bezirksbürgermeister der Innenstadt, war wenige Stunden vor der Messerstecherei auf der Zülpicher Straße und machte ganz ähnliche Beobachtungen wie Gastronom Markus Vogt: „Die Atmosphäre war ganz merkwürdig, es lag Aggressivität in der Luft“, erzählt er. Dass sich diese Aggressivität dann wenig später in einer solchen Bluttat Bahn gebrochen hat, mache ihn sehr betroffen: „Dass da ein so junges Menschenleben ausgelöscht wurde, muss man erst einmal verkraften.“

Hupke selbst lebt seit 45 Jahren im Kwartier Latäng und bekam die Entwicklungen in seinem Viertel hautnah mit. War das Kwartier früher noch durch die „Love, Peace and Harmony“-Bewegung geprägt, mache sich nun zunehmend die Verrohung breit. Das hänge tatsächlich auch mit einer Veränderung der Läden und des Publikums zusammen: „Hätte die Stadt Köln vor zehn Jahren einen Flächennutzungsplan eingeführt, hätten wir viele Läden im Veedel retten können“, so Hupke. Mittlerweile aber würden diejenigen in die Ladenlokale ziehen, die das meiste Geld zu zahlen bereit sind: „Die Cocktailbars, die mit lauter Musik auf sich aufmerksam machen, locken ein jüngeres Publikum an, dass ansonsten eher in die Diskothek gehen würde.“

Er möchte sich in Zukunft auch mit den Gastronomen zusammen setzen, um die Lage gemeinsam zu eruieren: „Ich möchte nicht, dass die Zülpicher Straße jetzt so verrufen wird, dass die vernünftigen Leute darunter leiden“, erklärt der Bezirksbürgermeister. Er könne sich einen runden Tisch vorstellen, an dem Vertreter aus Politik, Verwaltung sowie Anwohner, Gastronomen und Mitglieder der Ordnungsbehörden in den gemeinsamen Austausch treten: „Außerdem sollten hochprofessionelle, gestandene Streetworkerinnen und Streetworker im Einsatz sein, die deeskalierend vor Ort helfen können“, so Hupke: „Was geschehen ist, lässt sich nicht wegreden.“



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