Schluss mit “lustig”
Warum wir aufhören sollten, Will Smith wie die Sau durchs Hollywood-Dorf zu treiben

Will Smith

Will Smith hat alles in seiner Macht Stehende getan, um sich bei Chris Rock zu entschuldigen

© Tony Michaels/ROT/ / Picture Alliance

Keiner mag es aussprechen und doch steht sie im Raum, die Frage: Was war zuerst da, das Huhn oder das Ei? Oder anders gesagt, Bodyshaming an einer kranken Frau, ausgeübt vom Comedian Chris Rock, oder die untröstliche Ohrfeigen-Reaktion von Will Smith? Meiner Meinung nach sollten wir auch mal deutlich über Chris Rocks Fehlverhalten sprechen. 

Es erinnert mich an längst vergangene Schultage. In der Schule begegnet einem oft das Phänomen: Wer heult, hat recht! Dabei wird vielfach aber der eigentlich wichtigste Punkt eines jeden Konflikts vergessen, nämlich, dass auf eine Aktion eine Reaktion folgen kann. So geschehen bei der diesjährigen Oscar-Verleihung, als der Komiker Chris Rock einen Witz auf Kosten von Will Smiths kranker Frau Jada Pinkett Smith vor einem Millionenpublikum riss. Vor selbigem Millionenpublikum bekam er daraufhin von Will Smith eine Ohrfeige verpasst: Schluss mit “lustig” für den Comedian.

Die Reaktion Gewalt ist natürlich in absolut keiner Weise zu tolerieren oder angebracht. Da sind wir uns alle einig. Doch in dem weltweiten Tohuwabohu um den Angriff von Will Smith geht irgendwie völlig verloren, wie daneben der Witz wirklich war. Normalerweise würde die Social-Media-Polizei diese Art von Bodyshaming einer kranken Frau, Pinkett Smith leidet an kreisrundem Haarausfall, heftigst medial verurteilen und ausschlachten. Hätte Will Smith nicht dermaßen überreagiert, dass alle Welt nur noch von ihm spricht. Ohne die Ohrfeige hätte es zu einer medialen Hetzkampagne gegen den Comedian Chris Rock kommen können, denn so werden in unserem Zeitalter Probleme geklärt und auf Missstände aufmerksam gemacht. 

Nach dem Vorfall entschuldigte sich Will Smith nur wenige Minuten später auf der Bühne, als er seinen ersten Oscar gewann. Er entschuldigte sich bei allen Beteiligten, außer bei Chris Rock, auf den war er noch sauer. Rock hingegen schwieg, soll sich auf einer Aftershow-Party nur bei der Oscar-Moderatorin Wanda Sykes entschuldigt haben, dass es ihm leidtue, dass sich durch seinen Witz nun alles um ihn drehe und nicht mehr um die Moderation der drei Gastgeberinnen. Das berichtete Sykes kürzlich in der “Ellen DeGeneres Talkshow”, so der “Focus”.

Wo ist eigentlich Chris Rocks Entschuldigung?

Chris Rock hat sich bis dato nicht öffentlich bei der Familie für den absolut unangebrachten Witz entschuldigt. Weiterhin wird medial vielfach der Fakt vergessen, dass der Gag von Rock in den Proben nicht erzählt wurde und somit auch nicht mit den Veranstaltern abgesprochen war.  Es sickerte lediglich durch, dass Rock nichts von der Krankheit der Ehefrau gewusst haben soll – doch reicht das, um bei einem weltweiten Event live Witze über jemanden zu machen oder gehört auch bei einem Berufskomiker nicht ein wenig Recherchearbeit dazu, um sein Material zu kreieren?

Will Smith hingegen entschuldigte sich am nächsten Tag ausführlich über Instagram bei dem Comedian für seine Gewalttat. Ebenso bestrafte der Oscar-Gewinner sich selbst und trat von seiner Mitgliedschaft der Academy of Motion Picture Arts and Sciences und dem dazugehörigen Oscar-Stimmrecht zurück. Doch die Konsequenzen reißen nicht ab, nun legen Netflix und Sony Projekte und Filme mit dem bis zu dem Vorfall gefeierten Filmstar auf Eis. Chris Rock witzelt im Gegensatz dazu schon wieder vor sich hin. Seine Ticketpreise für die gerade laufende Tour haben sich durch den Vorfall von 50 Dollar auf bis zu 8.000 Dollar auf dem Schwarzmarkt erhöht – Grund zur Freude, die er in seiner Show in Boston kundtat.

Der einstige “Men in Black”-Star wünscht sich zu diesem Zeitpunkt bestimmt das berühmte “Blitzdings” wieder. Ein Stab, der das Gegenüber in der “Men in Black”-Filmreihe vergessen ließ, was gerade passiert war. Mir persönlich tut der Mann, der auf eine definitiv falsche Weise seine kranke Frau verteidigen wollte, langsam richtig leid. Keiner von uns Außenstehenden weiß schließlich, wie es Jada Pinkett Smith mit der Krankheit geht und man sollte generell vorsichtig sein, mit Witzen auf anderer Leute Kosten und Defizite. Denn eigentlich führen wir hier eine ganz alte Debatte: Körperliche Versehrtheit, wie die Ohrfeige, kann man sehen und wird von der Gesellschaft wahrgenommen, psychische Schäden, wie den Witz auf Kosten einer Kranken, nicht, darüber redet deshalb keiner mehr.



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