Ansonsten könnten die Patienten insbesondere bei eher gering ausgeprägten Hörverlusten zunächst 24 bis 48 Stunden abwarten, erläutert Michael Deeg, Facharzt für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde in Freiburg und Sprecher des Deutschen Berufsverbandes der HNO-Ärzte. Bei rund der Hälfte der Betroffenen stelle sich in dieser Zeit das normale Hörvermögen wieder ein. “Und auch wenn das nicht der Fall sein sollte, droht keine Verschlechterung, und es besteht auch nicht die Gefahr, Behandlungschancen zu verpassen”, beruhigt Deeg. In der Wartezeit sollten es die Patienten etwas ruhiger angehen lassen: “Entspannen, früher schlafen gehen, auf Alkohol und Nikotin verzichten”, rät der HNO-Arzt.

Arzt nach spätestens 48 Stunden aufsuchen

Bleibt das taube Gefühl im Ohr bestehen, ist ein Termin beim Hals-Nasen-Ohren-Arzt der nächste Schritt. Spätestens 48 Stunden nach dem Vorfall. Er untersucht zunächst den Gehörgang: Möglicherweise ist ein Pfropf aus Ohrenschmalz schuld an den Hörproblemen. Auch ein Infekt kann die Ursache sein: Dann bildet sich im Mittelohr hinter dem Trommelfell Flüssigkeit, und der Schall wird weniger gut weitergeleitet. Der Arzt fragt außerdem ab, ob der Patient lauten Geräuschen ausgesetzt war, Böllerschüssen zum Beispiel oder einer Explosion. “Lässt sich kein solcher auslösender Faktor feststellen, liegt ein Hörsturz vor”, sagt HNO-Spezialist Hesse. 40 bis 100 von 100.000 Menschen seien pro Jahr betroffen.

Schauplatz ist das Innenohr. Dort liegen die Haarzellen, die Schallwellen in elektrische Impulse umwandeln. Sie werden von den Nerven ins Gehirn weitergeleitet und dort verarbeitet – erst dann hören wir. Bei einem Hörsturz arbeiten Haarzellen in bestimmten Frequenzbereich nicht mehr so, wie sie sollen. Die Hör-Einschränkungen können sehr unterschiedlich ausfallen, beobachtet HNO-Arzt Deeg in seiner Praxis. Manchmal treten weitere Symptome auf: Bei einigen Patienten wird der Hörsturz von einem Ohrgeräusch begleitet, bei anderen fühlt sich die Ohrmuschel pelzig an. Schmerzen verursacht ein Hörsturz in der Regel nicht.

Ruhe führt oft zu Spontanheilungen

Manchmal hilft schon Ruhe: Die Rate an Spontanheilungen in den ersten Wochen nach einem Hörsturz ist hoch. Der HNO- oder der Hausarzt schreibt die Patienten daher in der Regel krank. Sie sollten sich beruflich und familiär entlasten, wenn das möglich ist. Auch eine Überweisung ins Krankenhaus ist möglich. Sie gewinnen die Betroffenen Abstand von beruflichen oder familiären Belastungen. Dies gilt umso mehr, wenn sie psychisch belastet sind.

Kortison als Mittel der Wahl

Ein Medikament, das die Ursache eines Hörsturzes bekämpft, gibt es nicht . Die Therapie des Hörsturzes bestand bislang in einer klassischen Infusionsbehandlung zur Verbesserung der Durchblutung. Nach der neuen Leitlinie Hörsturz (AWMF-Deutsche Gesellschaft für HNO-Heilkunde, Kopf- und Halschirurgie) wird diese jedoch hauptsächlich als Therapie mit Kortison zum Schutz des Innenohres und zur Einleitung von “Reparaturmechanismen” beschrieben, da nur hierfür wissenschaftliche Belege existieren.

Das Kortison wird in hoher Dosierung eingesetzt, als Infusion, in Tablettenform oder per Spritze direkt ins Ohr. “Der Wirkstoff reguliert den Flüssigkeitshaushalt im Innenohr und wirkt anti-entzündlich”, erläutert Hesse. Die Stoßtherapie über einige wenige Tage sei gut verträglich. Auch wenn die Wirksamkeit von Kortison beim Hörsturz nicht erwiesen sei, werde die Behandlung von den Krankenkassen bezahlt, berichtet HNO-Arzt Deeg: “Mir ist kein Fall bekannt, wo eine Erstattung verweigert worden wäre.” Bringt sie keinen Erfolg, gilt eine Sauerstoff-Überdruckbehandlung als Alternative: Die Patienten atmen dabei in einer Druckkammer reinen Sauerstoff ein. Gesetzlich Versicherte müssen für die aufwendige Therapie selbst aufkommen, eine Sitzung kostet rund 200 Euro.



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