„Waren körperlich wie geistig erschöpft“


Sie waren eine der erfolgreichsten Girlgroups Europas – die No Angels. Nach jahrelanger Pause ist die Band wieder aktiv. Im Interview mit t-online sprechen sie über alte Erfolge, Burnouts und verraten, warum Vanessa wieder nicht dabei ist.

Nadja Benaissa, Lucy Diakovska, Vanessa Petruo, Sandy Mölling und Jessica Wahls wurden vor gut 20 Jahren durch eine der ersten Castingshows im deutschen Fernsehen zu den „Popstars„, die der Formattitel versprach. Nach der Debütsingle „Daylight“ wurden die No Angels zu einer der erfolgreichsten Girlgroups (so hieß das damals noch!) Europas.

Doch es folgten neben vielen Höhen auch viele Tiefs. Jessi stieg 2002 aus, die Band löste sich ein Jahr später auf. Dann fand man wieder zusammen. 2007 war Jessi wieder dabei, dafür kam Vanessa nicht mehr zu den No Angels zurück. 2010 stieg dann Nadja wegen Stress mit der Justiz aus. Die drei Nicht-Engel lösten die Band 2014 schließlich erneut auf. Dieses Jahr dann das Comeback zu viert. Wieso, weshalb, warum und wo eigentlich Vanessa ist – das und vieles mehr beantworten Nadja und Lucy im t-online-Interview.

t-online: 20 Jahre ist es her, dass die Band durch die TV-Show „Popstars“ zusammenkam. Was bedeuten Ihnen die No Angels heute?

Lucy: Ich glaube heute, 20 Jahre später, hat No Angels eine ganz andere Bedeutung für uns als damals. Damals war das ein ganz cooler Name und es waren so viele tolle Songs. Heute kann man sagen, dass es der unglaublichste Abschnitt unseres Lebens war. Die Show und die Band haben uns fünf Mädels damals eng zusammengeschweißt und komischerweise kriegt uns gar nichts auseinander.

Wie blicken Sie heute auf diese Erfahrung Castingshow zurück? Das war damals ja noch etwas ganz Neues.

Lucy: Wir hätten uns ohne die Show nie getroffen. Wir waren einfach wir und konnten uns in der Sendung auch genauso zeigen, wie wir sind. Das war auch der Grund, warum wir so schnell so gut miteinander konnten. Keiner wusste, wie er sich im TV zeigen soll. So unerfahren, so lässig und teilweise so blöd wie wir da waren, sind wir auch heute noch. (lacht)

Wie waren die ersten Wochen nach dem ikonischen Spruch „Du bist in der Band!“? Wie geht man mit so einem komplett neuen Lebensstil um, der über Nacht kommt?

Nadja: Es war wie ein Rausch, wie eine riesige Silvesterparty, die nie aufhört, und dann zwischendurch schläft man ein bisschen und dann geht’s weiter. Es ist so viel passiert in den ersten Monaten. Ich weiß noch, einer der krassesten Momente war der erste richtig große Auftritt. Das war bei der Show „The Dome“. Da habe ich zum ersten Mal realisiert, was gerade mit uns passiert. Auch als „Daylight“ dann auf Platz 1 der Charts ging… Das musste ich erst einmal verdauen. Ab da gab es keine Zeit mehr zum Nachdenken, man hat einfach gemacht und gemacht, wie es die Leute um uns herum gesagt haben.

„Gemacht und gemacht“ klingt ein bisschen nach Tunnelblick und Leben nach Terminkalender. Konnten Sie diese Phase denn auch genießen?

Lucy: Jein. Wenn wir auf der Bühne waren, konnten wir den Moment genießen. Anfang der 2000er war so viel los in Deutschland. Teilweise sind wir zweimal am Tag hin und her geflogen, um unterschiedliche Termine wahrzunehmen. Viele dieser Momente waren wie automatisiert. Man ist im Flugzeug, dann geht’s zum Gepäck, ins Auto, ab zum Termin und dann schnell wieder zurück oder ins Hotel. Wir mussten teilweise für jede Stunde mehr Schlaf oder länger Pause kämpfen. Heute können wir die Promotion viel mehr genießen, diese Phase ist eher schön und weniger stressig als vor 20 Jahren.

Das damals waren ja noch die goldenen Jahre der Musikindustrie. Was haben Sie von Ihrem ersten Gehalt als Popstar gekauft?

Lucy: Ich musste ein Auto abbezahlen. (lacht) Ich hatte für einen Mietwagen keine Versicherung abgeschlossen und einen Unfall. Das war der einzige Unfall in meinem Leben. Ich musste also erst einmal diesen Totalschaden bezahlen.

Trotz des Erfolgs lösten sich die No Angels 2003 zum ersten Mal auf. Wie war die Stimmung nach diesen drei Jahren als Popstars?

Nadja: Ich war ausgebrannt. Ich hatte Heimweh. Ich hatte Sehnsucht danach, Zeit für meine Familie zu haben. Aber ich war auch unheimlich traurig, dass wir diese Entscheidung treffen mussten. Nach unserem letzten Konzert habe ich so eine unglaubliche Erleichterung gespürt, weil ich einfach wusste, dass ich nach Hause kann und auch erst einmal dort bleiben werde.

Lucy: Bei mir war es ähnlich. Wir waren körperlich wie geistig erschöpft. Wir wussten damals auch nicht besser mit der Situation umzugehen. Keiner hat uns jemals zu etwas gezwungen. Wir waren es, die auf die Bühne wollten, wir wollten diesen Rausch als Musikerinnen. Das ist wie eine Droge. Man will immer mehr. Noch eine Nummer-1-Single, noch größere Auftritte und so weiter.

2007 haben Sie zu viert dann einen zweiten Versuch als No Angels gestartet. Das Comeback lief ja eigentlich gut, aber an die ganz alten Glanzzeiten reichte es nicht heran. Hat Sie das damals enttäuscht?

Nadja: Unser damaliges Album „Destiny“ ist eines der besten, die wir je gemacht haben. Musikalisch waren wir auf dem Höhepunkt. Unser Sound war fantastisch und das hat uns einfach als Künstlerinnen wahnsinnig viel Freude gebracht. Aber natürlich war es auch frustrierend, weil die Erwartungshaltung sehr, sehr hoch war. Das Album hat sich gut verkauft, aber halt nicht so wie früher und daher haben das einige Leute als Misserfolg betitelt. Wir waren happy, aber diese Branche ist so schnelllebig. Allein in diesen drei, vier Jahren, in denen wir weg waren, hatte sich so viel verändert.

Jetzt, 14 Jahre nach dem ersten Comeback, sind Sie zurück. Auf einmal waren Ihre Songs auf den Streamingplattformen. War das alles zum 20. Geburtstag geplant oder doch eher eine spontane Eingebung?

Nadja: Lucy hatte ein Jahr vorher eine Chat-Gruppe gegründet und schon auf den 20. Bandgeburtstag hingewiesen. Aber das war einfach nur etwas Internes für uns. Auf einmal hat BMG dann unseren Musikkatalog gekauft und die Songs auf Streamingportalen veröffentlicht. Wir wussten gar nichts davon. Wir haben eine E-Mail bekommen mit „Herzlich willkommen bei der BMG“. So einfach war das. (lacht)

Also war das eher Schlag auf Schlag statt minutiös geplant?

Nadja: Genau. Das alles hat bei den No-Angels-Fans so einen Hype ausgelöst, dass wir davon ganz gerührt waren. Gerade in diesen Zeiten, in denen alle im Lockdown sitzen und die Welt in einer Krise steckt. Und auf einmal sehen wir da Videos von Leuten, die zu „Daylight“ ausflippen und sich freuen. Das war der Punkt, an dem wir beschlossen haben, dass wir wieder eine Band sein müssen

Sie haben gesagt, dass Sie eine Chat-Gruppe hatten. Waren Sie da zu viert oder zu fünft mit Vanessa?

Lucy: Wir waren zu viert. Wir sind seit 2003 eigentlich zu viert.

Nadja, Sie stiegen auch schon mal aus der Band aus. Für Sie war sofort klar, dass Sie wieder dabei sein wollen?

Nadja: Auf jeden Fall!

Lucy: Nadja wurde gar nicht gefragt, ob sie mitmachen möchte oder nicht. (lacht) Das war alles ganz natürlich und ist dieser Gruppe geschuldet. Wir haben fast ein Jahr lang miteinander gechattet, gezoomt und uns ausgetauscht.

Hatten Sie Vanessa denn zumindest angefragt, ob sie dieses Mal wieder Teil der No Angels sein möchte?

Nadja: Es war schwierig, Kontakt aufzunehmen. Lucy war die einzige, die noch etwas Kontakt zu Vanessa hatte. Doch selbst sie hatte am Ende keine Möglichkeit, weil Vanessa sich komplett von der Musikbranche zurückgezogen hat. Aber es war uns auch klar, dass Vanessa das nicht nochmal machen möchte. Sie hat sich ein ganz neues Leben aufgebaut und hat sich schon vor langer Zeit für einen anderen Weg entschieden. Wir sind trotzdem total stolz auf sie. Es ist dennoch schade, dass sie nicht mehr dabei ist, weil wir sie und ihre Stimme vermissen.

Wie war denn der Kontakt zwischen den vier No Angels? Hat man sich häufig getroffen oder gab es da Höhen und Tiefen?

Lucy: Der Kontakt war zwar super, aber man hat sich eigentlich nie zu viert getroffen, weil wir seit vielen Jahren sehr verstreut wohnen und unser Leben auch in diesen Jahren so unterschiedlich verlaufen ist. Es war so, dass wir uns letztes Jahr vereinzelt mal wieder getroffen haben. Das erste gemeinsame Treffen war dann auch nur digital per Zoom. Das war trotzdem wirklich aufregend.

In persona haben Sie sich dann erst wieder bei Frauke Ludowig getroffen. Wie lange hat es gebraucht, bis Sie alle wieder warm miteinander wurden?

Nadja: Fünf Minuten. (lacht) Ich kam als Letzte in den Raum und wir sind uns direkt alle in die Arme gefallen. Ich musste erstmal verstehen, dass wir da wieder zusammensitzen. Die Chemie war einfach genau die gleiche wie früher.

Sie sagten, dass die Chemie bei Ihnen sofort wieder gestimmt hat. Als die No Angels rauskamen, waren Sie alle um die 20 Jahre. Wie hat sich denn das Miteinander geändert? Was läuft heute besser als damals?

Lucy: Wir sind viel toleranter und viel verständnisvoller für das Leben der anderen geworden. Das war früher nicht immer so. Und genau das hat früher immer zu Reibungen zwischen uns geführt. Wir lebten verschiedene Lebensstile und hatten alle einen eigenen Alltag. Man kann nicht erwarten, dass die anderen das verstehen können. Aber heute können wir das. Wir kommen einfach besser miteinander aus als vor 20 Jahren.



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