Angebliche Zwangsumsiedlungen
Berichte: Hunderte Ukrainer in russische Filtrationslager verschleppt

Demonstranten aus Mariupol mit Schild "My Hometown is a mass grave #Mariupol"

“Meine Heimatstadt ist ein Massengrab”: Menschen aus Mariupol demonstrieren in Berlin. Zu Zerstörung und Tod kommen Berichte über Verschleppungen aus der Stadt und Zwangsumsiedlungen nach Russland.

© Sean Gallup / Getty Images

Zu den Kriegsverbrechen, die in der Ukraine von den russischen Streitkräften verübt werden, gehören offenbar auch Zwangsumsiedlungen. Das geht aus Berichten aus Mariupol hervor. Demnach werden die Menschen zunächst in gefürchtete Filtrationslager gebracht.

Russische Streitkräfte sollen Hunderte Ukrainerinnen und Ukrainer aus dem schwer zerstörten Mariupol nach Russland verschleppt haben. Dies geht aus übereinstimmenden Medienberichten hervor, die sich auf die Aussagen zweier betroffener Frauen stützen. Demnach werden die Menschen, die zwangsweise nach Russland umgesiedelt werden sollen, zunächst durch sogenannte Prüf- und Filtrationslager in den russisch kontrollierten Gebieten im Donbass geschleust. Unabhängig überprüfen lassen sich die Angaben zunächst nicht.

Die Praxis der Filtrationslager ist allerdings bekannt. Derartige Einrichtungen wurden erstmals ab 1941 von der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg betrieben. Ziel war es, unter Angehörigen der Roten Armee, die nach der Kriegsgefangenschaft zurückkehrten, “Vaterlandsverräter, Spione und Deserteure” zu identifizieren. Die Befragungen während der “Filtration” waren entsprechend bedrängend. Auch während der Tschetschenienkriege wurden unter anderem nach Erkenntnissen von Human Rights Watch Filtrationslager betrieben. Damals sollen die meist willkürlich verhafteten Insassen völliger Entrechtung sowie Misshandlungen und Folter während der Verhöre ausgesetzt gewesen seien. Aus den Festgenommenen sollten “Separatisten, Terroristen und Terrorverdächtige” herausgefiltert werden.

Filtrationslager: “Es war sehr erniedrigend”

Die Berichte zweier Frauen, die nach eigener Darstellung aus Mariupol verschleppt wurden, passen dazu. Demnach seien sie am 15. März mit etlichen anderen Frauen und Kindern aus einem Luftschutzbunker verschleppt und mit Bussen nach Novoazovsk in der Ostukraine gebracht worden. Nach stundenlanger Wartezeit habe man ihnen befohlen durch einen Zeltkomplex zu den Filtrationslagern zu gehen.

Die britische Zeitung “The Guardian” zitiert eine der Frauen, die beschrieb, wie sie in dem Lager behandelt wurde. Ihr seien Fingerabdrücke abgenommen und sie sei fotografiert worden. Anschließend sei sie von Mitgliedern des russischen Sicherheitsdienstes FSB “ausgiebig” mehrere Stunden lang befragt worden. “Sie haben mein Handy durchsucht. Sie fragten, ob ich etwas über die ukrainische Armee wüsste, ob ich Freunde beim Militär hätte. Sie haben mich auch gefragt, was ich über die Ukraine, über Putin und über den Konflikt denke. Es war sehr erniedrigend.” Danach seien sie nach Rostow gebracht worden, wo ihnen bedeutet worden sei, dass die Stadt Wladimir, knapp 160 Kilometer östlich von Moskau gelegen, ihr Endziel sei. Dort wurde lokalen Medien offenbar die Aufnahme von 1000 “Flüchtlingen” aus den “befreiten Gebieten” bestätigt. Die Zeugin selbst habe unter dem Hinweis, dass sie in der Stadt Verwandtschaft habe, in Rostow bleiben können. Den meisten anderen sei aber keine Wahl gelassen worden.

Kreml-Sprecher: Menschen haben Ostukraine freiwillig verlassen

Dass es solche Einrichtungen gibt, wird offenbar nicht bestritten. Vertreter der beiden selbsternannten “Republiken” Donezk und Luhansk bestätigten den Berichten zufolge, dass eine “Zeltstadt mit 30 Zelten” für Einwohner von Mariupol errichtet worden sei. Diese ist auf Satellitenbildern des US-Unternehmens Maxar auch zu erkennen. Dass Menschen dorthin gezwungen und anschließend nach Russland umgesiedelt würden, bestreitet die russische Führung jedoch. “Solche Berichte sind Lügen”, zitiert der “Guardian” Kreml-Sprecher Dmitry Peskow. Vielmehr seien 420.000 Menschen freiwillig “aus gefährlichen Regionen” in der Ostukraine evakuiert worden.

Internationale Menschenrechtsgruppen sind von den Schilderungen alarmiert. Ein solches Vorgehen stelle in jedem Fall einen Verstoß gegen die Genfer Konvention dar. Dazu müssten die Betroffenen nicht unbedingt mit Waffen bedroht werden, es reiche, wenn sie keine andere Wahl hätten als sich der Zwangsabschiebung zu beugen, erläutert Tatjana Lokshina von Human Rights Watch der Zeitung. Das Ausmaß der mutmaßlichen Verschleppungen lasse sich derzeit nicht beurteilen. Es gebe auch Menschen, die froh seien, nun in Russland in Sicherheit zu sein statt den ständigen Gefahren des Krieges ausgesetzt zu sein. “Aber wir wissen von Hunderten, die gegen ihren Willen verlegt wurden”, so die Sprecherin einer russischen Hilfsorganisation für Umgesiedelte, “und das ist äußerst besorgniserregend.” 

Quellen: “The Guardian”; “Washington Post”; BBC; “Huffington Post”



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