Wut, Angst und Scham
Nein zum Krieg: Dieser Hashtag verrät, was man in Russland von Putins Krieg hält

Moskau, Russland: Polizisten führen einen Demonstranten ab

Moskau, Russland: Polizisten führen einen Demonstranten ab. “Nein zum Krieg. Rücktritt für Putin”, steht auf seinem Plakat geschrieben. 

© KIRILL KUDRYAVTSEV / AFP

Wut, Angst und Scham: Auf Twitter bringen Hunderttausende russische Bürger ihre Haltung zum Angriff auf die Ukraine zum Ausdruck. Auch auf politischer Ebene gibt es Protest: Mehr als 100 Abgeordnete aus verschiedenen Städten Russlands beziehen mit deutlichen Worten Stellung gegen Putin. 

Während Wladimir Putin seinen Krieg in der Ukraine führt, sehen Millionen von Russen hilflos dabei zu, wie in ihrem Namen ein Verbrechen begangen wird. Schock, Unglauben, Wut: In der russischen Gesellschaft ist das Entsetzten groß. Trotz der massiven jahrzehntelangen Propaganda, Putins großen Ansprachen in den vergangenen Tagen und der Parallelwelt, die das Staatsfernsehen präsentiert – Kriegsbegeisterung ist in Russland nicht zu sehen. Im Gegenteil. Am Donnerstag beherrscht ein Hashtag das russische Twitter: #нетвойне. Nein zum Krieg.

Unter diesem Hashtag bringen Hunderttausende Menschen ihren Zorn und Verzweiflung zum Ausdruck. Für viele ist es der einzige Weg, ihre Meinung zu äußern. Auch wenn selbst ein Like, ein Repost oder ein Kommentar für einen russischen Bürger in Putins Russland Gefängnis bedeuten kann. Und dennoch ist dieser Hashtag unter den mehr als 14 Millionen russischen Twitter-Nutzern der populärste an diesem Donnerstag.

“Bitte denken Sie daran: Putin ist nicht gleich Russland. Unser Präsident wurde NICHT vom Volk gewählt. Die Russen wollen KEINEN Krieg. Wir haben Angst um unsere ukrainischen Brüder. Wir wollen Frieden. Frieden zusammen mit unseren ukrainischen Brüdern und Schwestern,” schreibt eine Nutzerin und bringt damit die Haltung vieler ihrer Landsleute zum Ausdruck.

“Ich habe das nicht gewählt. Wir – russische Menschen – haben das nicht gewählt. Es ist widerlich und paralysierend zu sehen, was gerade geschieht. Nein zum Krieg”, bringt ein Englischlehrer seine Haltung zum Ausdruck. 

“Putin ist ein Kriegsverbrecher”

Bei anderen überwiegt die Scham. “Heute schäme ich mich dafür, ein Russe zu sein. Unser Land hat eine Nation angegriffen, die historisch gesehen unserer engster Freund war. Ich kann nicht sagen, wie sehr es mir für alle Menschen in der Ukraine leidtut. Viele von uns sind dagegen”, schreibt ein junger Student

“Man sollte stolz auf seine Heimat sein, aber ich schäme mich. Das ist ein sehr dunkler Tag für unser Land. Putin ist ein Kriegsverbrecher!”, twittert ein anderer Nutzer und ruft seine Landleute dazu auf, sich zu Protesten zu versammeln.

“Ich bin Bürgerin der Russischen Föderation und lehne jede Art von Krieg ab. Ich will den Tod von Zivilisten und unschuldigen Menschen nicht. Menschenleben sind unbezahlbar. Stop”, appelliert eine junge Frau

Proteste trotz Drohungen 

Den russischen Behörden entgeht die Stimmung im Land nicht. Sie haben für den Fall von Demonstrationen gegen den Einmarsch in die Ukraine mit Strafen gedroht. Wer an Kundgebungen zur “angespannten außenpolitischen Lage” teilnehme, werde strafrechtlich verfolgt, teilte das Investigativkomitee am Donnerstag mit. Ähnliche Warnungen veröffentlichten das Innenministerium und die Staatsanwaltschaft. In Moskau wurde am Abend vorsorglich der Rote Platz von Polizeikräften blockiert. 

Dennoch gab es bereits erste Proteste. Wie hier in der sibirischen Stadt Nowosibirsk. Bei eisiger Kälter rufen die Menschen: “Nein zum Krieg!”


Mehr als 100 kommunale Abgeordnete beziehen Stellung gegen Putin 

Aber nicht nur einfache russische Bürger wenden sich gegen Putin und seinen Krieg. Mehr als 100 kommunale Abgeordnete aus verschiedenen Städten Russlands unterzeichneten einen offenen Brief an die Bürger der Russischen Föderation, in dem sie die “militärische Sonderoperation” gegen die Ukraine, wie Putin die Invasion nannte, verurteilten. 

“Wir, die vom Volk gewählten Abgeordneten, verurteilen vorbehaltlos den Angriff der russischen Armee auf die Ukraine”, heißt es in dem Brief. “Dies ist eine beispiellose Gräueltat, für die es keine Rechtfertigung gibt und nicht geben kann.”

Auch die Abgeordneten distanzieren sich von Putin: “Die Entscheidung zum Angriff traf der russische Präsident Wladimir Putin persönlich. Wir sind davon überzeugt, dass die Bürger Russlands ihm ein solches Mandat nicht erteilt haben.”

Die Politiker aus zahlreichen Städten Russlands, darunter Moskau, St. Petersburg, Weliki Nowgorod, Samara, Rjasan, Joschkar-Ola und viele mehr warnen: “Der Krieg mit der Ukraine wird katastrophale Folgen haben. Tausende Menschen werden sterben, verletzt und verstümmelt, Städte, die vielen Russen am Herzen liegen, werden zerstört. Unser Land erwartet die Verdammung durch die Weltgemeinschaft, Isolation, steigende Preise und Armut. Die Hoffnung auf ein gutes Leben in Russland bröckelt vor unseren Augen. Wir fordern Sie dringend auf, sich nicht an der Aggression zu beteiligen und sie nicht zu billigen. Bitte schweigen Sie nicht: Nur eine massive Verurteilung durch die Bevölkerung kann den Krieg stoppen.”



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