Kaum eine Lebensphase wird so unverblümt vom Umfeld kommentiert wie die Schwangerschaft. Babybäuche laden offenbar dazu ein, die eigene Meinung mit der werdenden Mutter zu teilen. Wir haben dazu mit drei Müttern gesprochen.

Was Schwangere am meisten nervt? Kommentare zu dem, was an ihnen offensichtlich ist: ihr Bauch! Zu groß, zu klein, zu spitz oder zu ausladend. Zum Bauch einer Schwangeren gibt jeder gerne ungefragt einen Kommentar ab. Würde man sich das auch so öffentlich trauen bei einer Frau, die nicht schwanger ist? Wahrscheinlich nicht. Offenbar geht die Gesellschaft mit werdenden Müttern anders um. Aber warum ist es so, dass Schwangere Zielscheibe für grenzüberschreitende Kommentare werden?

"Bauch frei" ist am 12.04. im Rowohlt Verlag erschienen

“Bauch frei” ist am 12.04. im Rowohlt Verlag erschienen

© PR Rowohlt

In “Bauch frei!” schreibt Bestsellerautorin Marlene Hellene über die Schwangerschaft, die nicht nur hormonelle Schwankungen und körperliche Veränderung für die Mutter mitbringt, sondern auch über das Verhalten, die Erwartungen und vor allem die Übergriffigkeit anderer Menschen gegenüber Schwangeren. Sie spricht offen über überraschende Übelkeit und die damit einhergehende Diskrepanz zwischen ihr und dem Idealbild einer gesunden Schwangeren. Und immer wieder geht es darum, wie andere Menschen Schwangerschaften kommentieren oder ihre Meinung, meist ungefragt, Schwangeren mitteilen. Eine Grundbotschaft hat Hellenes Buch: Lasst Schwangere einfach schwanger sein. Ohne sie zu kritisieren oder mit ungebetenen Ratschlägen zu malträtieren. Und das hilft nicht nur der werdenden Mutter, sondern auch dem Baby, so Hellene. “Wer sich wirklich um Kinder sorgt, sollte für das Wohlergehen, für Freiheit und Gleichberechtigung von Frauen eintreten. Weil Frauenwohl der erste Schritt zum Kindeswohl ist.”

Wir haben mit drei Müttern über ihre Schwangerschaft gesprochen. Und dabei festgestellt, dass alle Frauen ganz ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

Sarah lacht schwanger in die Kamera

Sarah hat ein Kind und lebt in Hamburg

© privat

Sarah, kannst du dich an einen sehr unangenehmen oder übergriffigen Rat in der Schwangerschaft erinnern?

Es gab mehrere Kommentare zu meinem Sportpensum in der Schwangerschaft, die ich als übergriffig empfunden habe. Ich habe schon vor der Schwangerschaft leistungsorientiert trainiert und danach noch jeden Tag entweder Langstreckenlauf oder Crossfit. Als ich schwanger war, habe ich damit weiter gemacht. In der 26. Schwangerschaftswoche bin ich noch einen Halbmarathon gelaufen. Natürlich nicht mit Bestzeitabsichten, aber ich wollte die Strecke noch mal laufen. Und hatte natürlich schon einen sichtbaren Babybauch. Und dann gab es unter anderem solche Kommentare wie:

„Das kann ja nicht gesund sein. Ich hab sonst auch noch nie eine Schwangere joggen gesehen.“

Das war im engen Familienkreis und hat mich sehr getroffen. Vor allem, weil meine Familie weiß, wie wichtig mir Sport und meine Gesundheit sind. Ich habe auch mit Gewichten trainiert und da kam  die Aussage: “Das muss doch nicht sein”. Noch nicht mal als Frage formuliert, ob ich irgendwie anders trainieren könnte. Sondern wie eine Art Anweisung. Das hat mich die gesamte Schwangerschaft über begleitet wie eine dunkle Wolke. Obwohl ich eigentlich wusste, dass es okay ist und alles mit Ärzten und Hebamme abgesprochen war. Natürlich habe ich keine 100 Kilo mehr gehoben, aber eben auch nicht nur fünf Kilo, wie man es Schwangeren früher geraten hätte. Ich kenne meinen Körper schließlich am besten und habe mich umfänglich informiert, habe mit Trainern gesprochen. Und ich denke, dass niemand das Gefühl haben sollte, mir da einen Rat geben zu sollen.

Was hat dich am meisten am Verhalten anderer, auch von Ärzten oder Hebammen gestört?

Gestört hat mich das generelle Verhalten gegenüber einer Schwangeren. Nur einmal hat mich ein Mann in der Schlange für eine Unisex-Toilette vorgelassen. Ansonsten habe ich in Bus und U-Bahn viel gestanden, was körperlich kein Problem war, aber aus Sicherheitsgründen eventuell nicht. In Warteschlangen gab es niemanden, der mir angeboten hat, mich vorzulassen. Einmal stand ich länger als eine halbe Stunde bei über 30 Grad in einer Corona-Schnelltest-Schlange und niemand hat mir angeboten vorzugehen. 

Schwangeren wird ja gerne mal über den Bauch getätschelt – auch von Fremden. Wo war deine persönliche Grenze im Verhalten anderer dir gegenüber?

Bei Menschen aus der Familie fand ich es überhaupt nicht schlimm, wenn jemand meinen Bauch berührt hat. Was mich gestört hat, waren jegliche Kommentare zur Größe des Bauchs. Das geht sicherlich vielen Schwangeren so. Andere Menschen denken oft, dass sie ungefragt etwas zum Umfang des Bauchs sagen dürfen. In der 38. Woche hat mir eine Person erst gesagt: “Der Bauch ist aber klein.” Wenig später kam dann von einer anderen Person, die daneben stand, der Kommentar: “Sicher, dass du keine Zwillinge bekommst. Meine Güte bist du rund.” Die Bewertung des Bauchs gibt einer Schwangeren immer das Gefühl, es sei etwas nicht richtig.

Lena hat zwei Kinder und lebt in Bad Bentheim

Lena hat zwei Kinder und lebt in Bad Bentheim

Lena, was ist dir negativ aufgefallen am Verhalten anderer Menschen, als du schwanger warst? 

Ich war auf jeden Fall offen mit meiner Schwangerschaft. Wenn mich jemand etwas gefragt hat, habe ich immer geantwortet. Außer ich habe gemerkt, dass es nicht wohlwollend war. Man merkt ja schnell, ob jemand eine eher negative Absicht hat. Dann kommen oft Kommentare oder Ratschläge, die sich einfach nicht passend anfühlen. Einmal hat mich eine Nachbarin, die mir nicht nahestand, gefragt hat, ob sie meinen Bauch anfassen darf. Aber während sie es gefragt hat, hat sie schon die Hand ausgestreckt. Ich habe mich schnell aus der Situation gewunden und ab dann bin ich ihr aus dem Weg gegangen. Eine Arbeitskollegin hat mal ungefragt meinen Bauch angefasst und gesagt: “Der ist ja schon hart. Du hast bestimmt schon Wehen.” Auch das fand ich übergriffig.

Hat dir mal jemand durch eine Kommentar Angst gemacht in der Schwangerschaft?

Eine Kollegin hat mich mal in der Pause gefragt, wie ich mir die Geburt vorstelle. Und in dieses eigentlich nette Gespräch hat sich eine andere Kollegin geschaltet. Ich habe dann erzählt, dass ich die Geburt einfach auf mich zukommen lassen möchte und wenn möglich keine PDA. Daraufhin ist die zweite Kollegin verbal relativ ausfallend geworden und sagte:

“Du wirst nach der Geburt für nichts mehr Zeit haben, nie wieder ein Buch lesen und alles wird einfach nur anstrengend.”

Und das zusätzlich mit ihrer negativen Energie haT mir die Tränen in die Augen getrieben und ich musste den Raum verlassen. Gerade wenn jemand mit dem ersten Kind schwanger ist, kann man Dinge natürlich offen, aber irgendwie positiver ausdrücken.

Was wurde besonders häufig in der Schwangerschaft von Außenstehenden angesprochen?

Als ich bei der Arbeit mal gesagt habe, dass ich keinen rohen Fisch oder Salami esse, wurde das von den Kolleginnen gleich abgetan. Unsere Eltern hätten das ja schließlich auch gegessen und wir seien ja auch alle gesund. Ältere Menschen haben sich auch häufiger zum Stillen und zur Länge des Stillen geäußert und erwähnt, dass man das Kind nicht so verwöhnen soll.

Was hat dich am meisten an der Schwangerschaft überrascht?

Ich war davon überrascht, dass ich mich körperlich ganz gut gefühlt habe. Ich dachte, ich müsste mich ganz viel übergeben. Und was mich echt beeindruckt hat, war die Macht der Hormone. Nicht nur, dass man emotionaler wird, sondern dass man auch danach handelt.

Vera hat zwei Kinder und lebt in Weyhe bei Bremen

Vera hat zwei Kinder und lebt in Weyhe bei Bremen

© privat

Vera, hat deine erste Schwangerschaft eine Überraschung für dich bereit gehalten?

An meiner ersten Schwangerschaft hat mich ganz viel überrascht. Ich war gar nicht darauf vorbereitet, was das für ein einschneidendes Erlebnis ist und wie sehr sich das Leben ab diesem Zeitpunkt ändert. Ich war auf einmal ganz bei mir und hab ganz viel auf meinen Körper gehört. Und habe sehr auf mich geachtet und mir nur Gutes tun wollen. Das war ganz schön, dass man die Prioritäten anders setzt und weiß, dass man nicht mehr nur sich selbst, sondern auch für ein Baby verantwortlich ist. Und dieses Bewusstsein hatte ich vor der Schwangerschaft nicht. 

Unangenehm und übergriffig: Ist dir das auch passiert?

Ich fand es ganz besonders übergriffig, wenn mich Menschen gefragt haben, ob ich eine natürliche Geburt plane und mit der Frage auch impliziert haben, dass sie doch einen Kaiserschnitt vorziehen würden. Vor allem bei Leuten, die selbst noch keine Kinder bekommen haben, fand ich das völlig unangebracht. Das ist eine total persönliche Entscheidung, die niemanden etwas angeht. Ich bin aber trotzdem offen damit umgegangen und habe immer gesagt, dass ich eine natürliche Geburt plane. Trotzdem war das total unangenehm und unangemessen.

Hast du dich gerne mit anderen in der Schwangerschaft ausgetauscht?

Ich war gerne im Austausch über die Schwangerschaft und hab auch Leute, die ich mochte, auf meinen Bauch fassen lassen. Was mich gestört hat, waren Kommentare zu meinem Bauch.

Mich hat verletzt, als der Bauch sehr groß wurde und dann die scherzhafte Nachfrage kam, ob ich mir sicher sei, dass das keine Zwillinge sind.

Und das habe ich sehr persönlich genommen und hab sehr auf mein Gewicht geachtet und Sport gemacht. Und gerade weil ich meinen Bauch total geliebt habe, war es umso verletzender, wenn Leute ihn negativ kommentiert haben.



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