Wegen einer Corona-Erkrankung muss Joshua Kimmich derzeit ausfallen. Im Gespräch mit dem stern erklärt Sportmediziner Prof. Wilhelm Bloch, welche Probleme der Bayern-Profi akut hat und warum er nicht glaubt, dass Kimmich im Januar wieder spielen wird.

Joshua Kimmich, der derzeit an einer Covid-19-Erkrankung leidet, geht davon aus, dass er im Januar wieder voll einsatzbereit ist: gesund, fit und ausgeruht. In der Liga will er mit dem FC Bayern den Meistertitel verteidigen, in der Champions League beginnt die K.o.-Phase und am Ende des Jahres steht die Weltmeisterschaft in Katar an – es ist ein wichtiges Jahr für den Fußballer.

Sollte Kimmich mit Beginn des Jahres die Covid-19-Erkrankung vollständig überwunden haben, wäre er rund acht Wochen ausgefallen. Zuerst musste er wegen eines Kontaktes zu einem Corona-Infizierten in Quarantäne, schließlich infizierte er sich selbst und hat seitdem Probleme mit der Lunge: Bei Kimmich haben sich “leichte Infiltrationen” gebildet. Soll heißen: Es hat sich mutmaßlich Flüssigkeit in Bronchien und Lungenbläschen angesammelt. Er fühle sich aber nach eigener Aussage “sehr gut”.

Nagelsmann gibt sich sehr optimistisch

Auch Trainer Julian Nagelsmann ist optimistisch: “Ich mache mir gar keine Sorgen, weil die Infiltration nicht so dramatisch ist”, sagte der Trainer des FC Bayern München am Freitag. Die Pause sei eine Sicherheits- und Vorsichtsmaßnahme. “Es ist nicht so dramatisch, dass man irgendwelche Folgeschäden erwarten kann.”

Doch wie realistisch ist die Prognose? Wir haben mit dem Sportmediziner Prof. Wilhelm Bloch von der Sporthochschule Köln über den Fall Kimmich und Covid-19 bei Spitzensportlern gesprochen.

Herr Prof. Bloch, wie schätzen Sie den Fall Joshua Kimmich ein? Kann man bei ihm schon von Long Covid reden?

Nein, man kann in seinem Fall noch nicht von Long-Covid sprechen. Bei Joshua Kimmich handelt es sich um die post-akute Covid-Phase. Er ist jetzt virus-negativ. Wir müssen aber davon ausgehen, dass er auch in den nächsten Wochen Probleme haben wird. Wie es sich weiterentwickelt, werden wir sehen.

Trainer Julian Nagelsmann hat sich optimistisch geäußert und gesagt, dass es nicht so “dramatisch” sei und man keine “Folgeschäden erwarten kann”. Liegt der Trainer hier richtig?

Nein, das kann man so nicht vorhersagen. Die Prognose ist schwierig, natürlich genesen viele komplett. Aber es kommt darauf an, um was für Infiltrate es sich in der Lunge von Kimmich handelt. Ohne genaue Befunde zu kennen, lässt sich das gar nicht einschätzen.

Was spielt sich in so einem Fall in der Lunge ab?

Es gibt verschiedene Arten von Infiltrationen. Meistens sammelt sich bei Entzündungen mehr Flüssigkeit an. Die Gefäße werden durchlässiger. Erst kommen die Immunzellen rein und mit denen häufig Flüssigkeitsansammlungen. Das ist das wahrscheinlich und beeinträchtigt die Atmung. Solche Infiltrationen bilden sich aber auch wieder vollständig zurück.

Ist Anfang Januar als Comeback-Termin realistisch?

Das wäre die optimistische Variante und Naglesmann hätte recht gehabt. Das Problem ist aber, dass sich bei Covid-Patienten häufig Bindegewebe in der Lunge bildet. Das ist nicht mehr so leicht abbaubar und kann zu einer Lungenfibrose führen. Ich habe in den letzten Wochen eine ganze Reihe von Lungenbiopsien von Long-Covid-Patienten angeschaut, die Probleme haben. Die zeigen genau diese Veränderungen im Lungengewebe. Das sind natürlich die schweren Fälle.

Wie geht es für Kimmich weiter?

Er muss jetzt vorsichtig an die Belastung herangeführt werden, damit es nicht zu längerfristigen Problemen kommt. Ein langsamer Trainingsaufbau ist wichtig. Es gibt eine ganze Reihe von Empfehlungen nach Covid-19-Erkrankungen, wie ich sie mit Kollegen in dem Positionspapier “Return to Sport” dargestellt habe. Wichtig ist: Auch wenn die Symptome weg sind, ist es angeraten, dass man 14 Tage sehr behutsam an die Belastung herangeht. Es wird schon eine Ausfallzeit bei Kimmich geben.

So wie Sie es schildern, klingt ein Comeback Kimmichs Anfang Januar ein wenig zu optimistisch?

Die Ärzte werden schauen, dass die Lunge möglichst schnell ausheilt und keine Fibrose entsteht. Ich bin aber skeptisch, dass er Angang bis Mitte Januar wieder spielen kann. Das ist ja nicht mehr so lange hin. Solange er Symptome hat, kann er nach unseren Empfehlungen nicht trainieren, und Infiltrationen sind Symptome.

Oft sind Profisportler ungeduldig und wollen so schnell wie möglich loslegen.

Aber gerade bei der Covid-Erkrankung muss man jedem Sportler mitgeben: Viel hilft nicht viel. Man muss auf einen dosierten Belastungsaufbau achten, ansonsten gibt es Rückschläge und die Regenerationszeit wird unnötig verlängert. Zudem ist die Gefahr gegeben, dass es chronisch wird und man zum Long-Covid-Patienten wird. Ich gehe aber davon aus, dass es bei Kimmich nicht so sein wird. Er befindet sich in bester ärztlicher Betreuung. Mittlerweile wissen alle Kollegen, wie sie mit einer Covid-19-Erkrankung umgehen müssen.

Wann spricht man überhaupt von Long Covid?

Erst wenn Kimmich nach der 12. Woche noch Symptome hat, die die Leistungsfähigkeit einschränken, sprechen wir von Long Covid.

Hätte Kimmich sich vor einem solchen Krankheitsverlauf durch eine Impfung schützen können?

Das ist ganz einfach. Impfen schützt vor schweren Verläufen. Das muss ich leider für Kimmich sagen: Er trägt eine gewisse Mitverantwortung an seinem Ausfall, weil er das Impfen herausgezögert hat. Impfen ist der beste Schutz vor solchen Komplikationen, die bei Kimmich auftreten.

Kann es sein, dass Spitzensportler die Gefahr von Covid-19 unterschätzen?

Ich glaube, dass Spitzensportler mittlerweile ein Problembewusstsein für die Krankheit entwickelt haben. Gleichzeitig sind sie Kämpfer und drücken Probleme oder Gedanken, nicht ganz so leistungsfähig zu sein, gern weg. Ich habe kürzlich auf der Medica-Messe, wo ich einen Vortrag gehalten habe, eine Karate-Europameisterin getroffen, die es sehr gut dargestellt hat. Sie leidet seit einem Jahr an der Erkrankung. Sie hat seitdem kein Ausdauertraining gemacht, weil sie dazu überhaupt nicht in der Lage ist. Dabei hatte sie einen weitgehend asymptomatischen Verlauf. Sie hat erzählt, wie schwierig es für einen Sportler ist, das zu realisieren und zu akzeptieren.

Was sind die häufigsten Symptome bei Long Covid?

Das häufigste Symptom ist die chronische Müdigkeit, das chronische Fatigue-Syndrom. Es kommen aber auch Kopfschmerzen, Muskelschmerzen und Kurzatmigkeit häufig vor. Oder Patienten leiden oft an Aufmerksamkeitsstörungen.

Gibt es schon belastbare Zahlen, wie viele Spitzensportler von Long Covid betroffen sind.

Da müssen wir die große CoSmo-S-Studie abwarten, die wir und andere Institute im Auftrag des Bundesinstituts für Sportmedizin durchführen. Dann werden wir belastbare Zahlen haben. Aber wir können jetzt schon aus der Studienlage schließen, dass grundsätzlich 10 bis 15 Prozent der Covid-Patienten zu Long-Covid-Patienten werden. Damit sind nicht die Patienten gemeint, die hospitalisiert oder auf der Intensivstation waren. Bei denen können sie davon ausgehen, dass sie zum großen Teil langfristige Probleme haben.



Source link

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.