Urteil aus der Schweiz
Ein Mann soll seine Frau ermordet haben – Ermittlerin gibt sich als Wahrsagerin aus und geht zu weit

Eine Wahrsagerin hält ihre Hände um eine Kugel. Vor der Kugel stehen brennende Kerzen.

Der Verdächtige aus der Schweiz war sehr abergläubisch. Eine Ermittlerin gab sich deshalb als Wahrsagerin aus.

© agefotostock / Imago Images

Ein Mann soll in der Schweiz seine Frau umgebracht haben. Um den Verdacht zu erhärten, gibt sich unter anderem eine Ermittlerin als Wahrsagerin aus. Der Mann gesteht. Doch das Geständnis sei unverwertbar, urteilt das Schweizerische Bundesgericht. 

Die “NZZ” nennt sie “eine der wohl längsten und aussergewöhnlichsten verdeckten Ermittlungen der Schweiz“. Im Oktober 2009 wird eine 41-Jährige vor ihrer Wohnung in Zürich mit fünf Schüssen ermordet. Die Polizei verhaftet noch an dem Tag ihren Ehemann. Zum Motiv schreibt die “NZZ”: “Seine Frau war vor ihrem Tod rund drei Jahre lang mit einem verheirateten Mann fremdgegangen – und er wusste davon.”

Doch der Staatsanwaltschaft fehlen Beweise und der Mann bestreitet die Tat. Er kommt nach mehreren Monaten in Untersuchungshaft frei. Es folgen verdeckte, aufwendige, teils kuriose Ermittlungen, die anderthalb Jahre dauern, bis im Herbst 2015, und an deren Ende ein Geständnis steht. Doch das ist nichtig, wie das Schweizerische Bundesgericht urteilt. Die Staatsanwaltschaft ist demnach zu weit gegangen.  

Schweiz: Der Mann führt die Ermittler zum Tatort

Die “NZZ” zeichnet nach, wie die Schweizer Ermittler vorgehen. Sie holen sich Hilfe im Nachbarland: Ein Polizist aus Deutschland gibt sich als Diamantenhändler Orhan aus. Der Verdächtige, der arbeitslos ist, führt Fahrten für ihn aus. Die Polizei macht sich zunutze, dass der Witwer “zutiefst abergläubisch” ist. Orhan spricht mit ihm über Horoskope und böse Geister und erzählt ihm von einer Wahrsagerin, die helfen könne.

Wie Orhan ist auch die Wahrsagerin in Wirklichkeit eine Ermittlerin. Während sie bei einer Sitzung sagt, sie wisse, wie die Tat abgelaufen sei, ein Geist habe ihr das gezeigt, hinterlässt ein Ermittler auf dem Auto des Verdächtigen einen roten Handabdruck. Der Mann gesteht anschließend Orhan die Tat. Und damit nicht genug: Um ihn angeblich vor dem Geist seiner Frau zu schützen, bringt Orhan den Verdächtigen dazu, mit ihm an allen tatrelevanten Orten Kichererbsen auszulegen. Der Mann wird verhaftet, er kommt erneut in Untersuchungshaft, dieses Mal für sieben Monate. 

Das Bundesgericht urteilt, das Geständnis sei unverwertbar

Der Mann widerruft sein Geständnis. Während das Bezirksgericht Zürich die Indizien zwar als ausreichend für eine Verurteilung erachtet, spricht das Obergericht den Mann 2018 wieder frei. Die Oberstaatsanwaltschaft Zürich zieht den Fall weiter, denn sie befindet, der Mann sei wegen Mordes schuldig zu sprechen und mit einer Freiheitsstrafe von 14 Jahren zu bestrafen. 

Das Schweizerische Bundesgericht sieht das in letzter Instanz anders. Das Geständnis sei nicht aus “eigener Initiative und freien Stücken, sondern als Resultat einer von den verdeckten Ermittlern geschickt aufgebauten inneren Zwangslage, sukzessive genährten Angst und stetig intensivierten Drucksituation” erfolgt, heißt es in dem Urteil von Ende März, das jetzt veröffentlicht wurde. Das Aussageverweigerungsrecht des Mannes sei unterlaufen worden, die Vorgehensweise der verdeckten Ermittler sei mit dem Fairnessgebot nicht vereinbar und das aus der verdeckten Ermittlung hervorgegangene Geständnis daher unverwertbar.

Quellen:nzz.ch, Urteil des Schweizerischen Bundesgerichts

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