Jeder zehnte Erwachsene kann seine Rechnungen nicht mehr bezahlen. Auch Frau K. und ihr Mann haben sich in eine scheinbar aussichtslose Situation manövriert. Eine Schuldnerberaterin erklärt, wie sie da wieder rauskommen.

Von Reinhild Fürstenberg

Sorgen um die eigene Existenz sind für die Betroffenen eine hohe Belastung. Private Schulden haben häufig auch Auswirkungen auf den Arbeitsplatz: Kann ich mich auf meine Arbeit konzentrieren, wenn ich weiß, dass ich bereits mit zwei Kreditraten im Rückstand bin und nun auch noch für den Strom nachzahlen soll? Gelingt mir ein wichtiges Meeting, wenn ich schon am Morgen Angst davor habe, welches Mahnschreiben am Nachmittag in meinem Briefkasten liegen wird? Wie werden meine Kolleg*innen reagieren, wenn ich das gemeinsame Mittagessen (schon wieder) absage oder soll ich mich an dem Tag lieber gleich krankmelden?

Frau K., 41 Jahre, arbeitet als Pflegekraft. Die Familie hat zwei schulpflichtige Kinder. Ihr Mann ist ebenfalls in der Pflege tätig. Die Familie hat zwei sichere Einkommen. Das Ehepaar hat ein gemeinsames Konto, von dem monatlich alle laufenden Kosten bezahlt werden. Frau K. und ihr Ehemann leben bereits seit vielen Jahren mit Schulden. Zum einen haben sie Kredite aufgenommen, um die kranken Eltern zu unterstützen und zu pflegen. Zum anderen mussten sie viel Geld in den Umbau ihres alten, renovierungsbedürftigen Hauses stecken. Zu guter Letzt streikte auch noch das Auto und so häufte sich der Schuldenberg immer mehr.

Da das Geld zum Leben aufgrund der hohen monatlichen Raten nicht mehr reicht, haben beide zusätzliche Schichten übernommen. Das Arbeiten im Schichtdienst belastet und lässt weniger Zeit für die Kinder. Die Eheleute sind müde. Frau K. möchte schon seit Längerem eine Zusatzausbildung in ihrem Beruf beginnen. Frau K. lehnt die Ausbildungsangebote ihres Arbeitgebers jedoch ab, weil sie weiß, dass die Familie den monatlichen Verdienstausfall nicht auffangen kann. Die Eheleute sehen keinen Ausweg mehr aus der Schuldenspirale. 

Reinhild Fürstenberg

Reinhild Fürstenberg ist Gesundheitswissenschaftlerin, systemische Beraterin und Familientherapeutin. Das von ihr geleitete Fürstenberg Institut aus Hamburg berät Unternehmen, Führungskräfte und Mitarbeiter, wie sie psychische Belastungen reduzieren, Veränderungen gesund gestalten und die Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Privatleben verbessern können. Für den stern berichtet die Expertin in loser Folge von Fällen aus ihrer Beratung – und erklärt, was wir daraus lernen können. 

© Verena Reinke

Wie raus aus der Schuldenfalle?

Der Gang zur Schuldnerberatung fällt den Eheleuten schwer. Sie nehmen dennoch all ihren Mut zusammen und vereinbaren gemeinsam einen Termin bei einer unserer Schuldnerberaterinnen im Fürstenberg Institut. Frau K. ist sichtlich erleichtert, dass sie über ihre Geldsorgen sprechen kann. Sie fühlt sich – genauso wie ihr Ehemann – verantwortlich für die Schulden. Sie haben jeden Monat “jongliert” und auf vieles verzichtet, aber sie merken beide, dass der jahrelange finanzielle Druck zermürbend ist. Ihnen fehlt auch eine Perspektive. Sollen sie ihr ganzes Leben lang mit den Schulden kämpfen?

Zunächst einmal geht es darum, einen Überblick über die monatlichen Einnahmen und Ausgaben zu schaffen. Frau K. ist gut vorbereitet und kennt jede einzelne Position. Aus dem kleinen Haushaltsplan geht hervor, dass es keine überflüssigen monatlichen Kosten gibt. Es gibt keine Verträge, die gegebenenfalls gekündigt werden könnten. Die laufenden Kosten zum Erhalt der Wohnung wie Miete, Strom, Wasser etc. haben die Eheleute immer bezahlt. Frau K. ist beruhigt, als sie hört, dass das genau richtig war. Die laufenden Kosten zum Erhalt der Wohnung haben Vorrang. Die Familie braucht ihren Platz zum Leben. 

Aber in wie vielen Jahren können Frau K. und ihr Ehemann es schaffen könnten, die hohen Kredite zurückzuzahlen? Es wird schnell klar, dass die monatlichen Raten noch über viele Jahre im Wesentlichen auf Zinsen und Kosten angerechnet werden, die Rückzahlung des eigentlichen Kreditbetrages rückt in weite Ferne. Frau K. weint – gibt es tatsächlich keine Perspektive? Kein Leben ohne Schulden? Frau K. fasst sich und spricht einen Insolvenzantrag an. Unsere Schuldnerberaterin nimmt den Gedanken auf. 

Insolvenzverfahren als Ausweg

Was passiert in einem Insolvenzverfahren? Wie wird überhaupt ein Insolvenzantrag gestellt? Was darf ich verdienen, wenn ich in der Insolvenz bin? Muss ich alles an den Insolvenzverwalter abgeben? Wie lange dauert ein Insolvenzverfahren? Wie werden meine Freund*innen und Kolleg*innen reagieren, wenn sie von dem Insolvenzverfahren erfahren?

Meine Kollegin klärt Frau K. und ihren Ehemann ausführlich auf. Das Wissen darum, was auf sie zukommen wird, beruhigt sie. Da beide Eheleute die Kreditverträge unterschrieben haben, wird auch Herr K. einen Insolvenzantrag stellen. Ab diesem Zeitpunkt können Frau K. und ihr Ehemann die gesamte unangenehme Post an die Schuldnerberatung weiterleiten. Wir werden versuchen, außergerichtlich eine Einigung mit allen Gläubiger*innen zu finden. Falls diese nicht zustimmen, werden wir die Eheleute bis zum Ausfüllen der Insolvenzanträge begleiten. 

Frau K. fragt nach: Wie sind wir in der Zwischenzeit geschützt? Müssen wir doch noch mit dem Besuch eines Gerichtsvollziehers oder einer Gerichtsvollzieherin rechnen? Wir empfehlen den Eheleuten, das gemeinsame Konto aufzulösen und zwei getrennte Konten, jeweils als Pfändungsschutzkonto, einzurichten. Außerdem erhalten die Eheleute die aktuelle Pfändungstabelle für Arbeitseinkommen. Daraus können sie sehen, welche Beträge sie später monatlich an den Insolvenzverwalter überweisen müssen. Die Unterhaltspflichten für die beiden Kinder werden in der Tabelle berücksichtigt. Auch dieses Wissen beruhigt Frau K. Es bleibt der Familie ausreichend Geld, um die laufenden Lebenshaltungskosten zu bezahlen.

Über Geld spricht man

Frau K. ist froh über die vielen Informationen, die sie bekommen hat. Die Aussicht, dass eine Entschuldung möglich ist und ein Insolvenzverfahren nur noch drei Jahre dauert, beruhigt sie und gibt ihrer Familie eine Perspektive. Drei Jahre werden sie gemeinsam schaffen! Am Ende des Gesprächs geht es noch um eine wichtige Frage: Aufgrund unterschiedlicher Faktoren sind über die Jahre hohe Schulden entstanden – wird diese Situation vielleicht auch in Zukunft wieder auftreten? Frau K. und ihr Ehemann vermuten: Ja! Unsere Schuldnerberaterin ermutigt die Eheleute, auf die zugrundeliegenden Auslöser zu schauen und zum Beispiel in Zukunft frühzeitig Rücklagen zu bilden, damit nach der Insolvenz nicht wieder neue Schulden entstehen.

Sie ermutigt Frau K. auch, mit ihrer Führungskraft über ihre Situation zu sprechen und zu erklären, warum sie die Zusatzausbildung noch nicht beginnen konnte. Frau K. ist sich sicher, dass ihre Führungskraft sie auch weiter fördern wird. 

Zum Abschluss: Der Satz “Über Geld spricht man nicht” steckt in unseren Köpfen. Doch es ist wichtig, das Thema Geld auf allen Ebenen zu enttabuisieren. Je früher Sie mit Gesprächspartnern, denen Sie vertrauen, über finanzielle Probleme reden, umso mehr Möglichkeiten gibt es, mit einzelnen Maßnahmen gegenzusteuern. Die häufigsten Ursachen für das Entstehen von Schulden sind Arbeitslosigkeit, Krankheit, Scheidung/Trennung oder ein Unfall. Es sind also in den meisten Fällen die nicht planbaren Dinge im Leben, die zu Schulden führen. Niemand muss sich dafür schämen. Vielmehr übernehmen Sie Verantwortung für Ihre finanziell unbelastete Zukunft, wenn Sie sich professionelle Hilfe beim Umgang mit Schulden holen.

Hier meine Tipps für Sie:

  • Achten Sie darauf, dass Sie eine seriöse Schuldnerberatungsstelle um Rat bitten. Leider gibt es viele Anbieter, die “schnelle und unbürokratische” Hilfe beim Schuldenabbau anbieten, dennoch aber nur viel Geld kosten und Sie nicht professionell begleiten.
  • Haben Sie keine Angst, auch die Themen anzugehen, die häufig hinter den Schulden stehen. Haben Sie einen guten Umgang mit Geld gelernt? Neigen Sie in schwierigen Situationen dazu, überflüssige Einkäufe zu tätigen? Fühlen Sie sich für Freunde oder Familienmitglieder finanziell so verantwortlich, sodass Sie immer aushelfen? Ein guter Umgang mit Geld hat auch viele emotionale Aspekte.
  • Behalten Sie einen Überblick über Ihre Einnahmen und Ausgaben. Stellen Sie einen Haushaltsplan auf, um einen Überblick zu gewinnen. Eine Haushaltsplan-App ist unkompliziert.
  • Denken Sie auch präventiv über Schulden nach. Häufig haben Veränderungen in Lebenssituationen (wie z.B. Scheidung/Trennung) auch Auswirkungen auf die Finanzen. Überlegen Sie frühzeitig, wo es finanzielle Risiken geben kann und versuchen Sie, diese möglichst zu minimieren. Informieren Sie sich, welche Leistungen Ihnen jetzt zustehen.
  • Stecken Sie den Kopf nicht in den Sand! Es gibt viele Möglichkeiten, Sie bei der Schuldenregulierung zu unterstützen. Nehmen Sie diese Hilfe an.

*Fallbeispiel aus der Beratungspraxis des Fürstenberg Instituts. Der Fall wurde mit dem Einverständnis der Betroffenen anonymisiert.



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