Sanktionen dämpfen Geschäfte
Welche Auswirkungen der Ukraine-Krieg auf die Autokonzerne in Russland hat

Ein Arbeiter montiert ein Fahrzeug

Für die Autokonzerne in Russland dürfte der Ukraine-Krieg spürbare Auswirkungen haben (Symbolfoto)

© Zhang Nan/Xinhua / DPA

Der russische Großangriff auf die Ukraine hat weitreichende Folgen für die Wirtschaft. In Russland produzieren unter anderem VW, Mercedes und BMW Fahrzeuge, in der Ukraine sind viele mittelständige Autozulieferer ansässig. Welche Auswirkungen hat der Krieg auf die Autokonzerne?

Die Ukraine steht unter Beschuss von Russland. Am Freitag ist das russische Militär bis in die ukrainische Hauptstadt Kiew vorgedrungen. Indes haben die USA und die EU harte Sanktionen gegen Russland verhängt. Diese wirken sich auch auf die Autokonzerne im Land aus.

Deutsche Autobauer wie VW, Mercedes und BMW betreiben Fabriken in Russland. VW hat von allen deutschen Autobauern die größte Fabrik in Russland: Im Werk in Kaluga, südwestlich von Moskau, arbeiten rund 4000 Mitarbeiter. Dort liefen vergangenes Jahr 118.000 Modelle von VW sowie dessen Tochter Skoda vom Band. Im Werk in Nischni Nowgorod waren es weitere mehr als 52.000 Fahrzeuge. Volkswagen hat damit einen Anteil von fast zwölf Prozent auf dem russischen Markt und liegt auf Platz drei. Der deutsche Autobauer verkauft jährlich in Russland knapp 200.000 Fahrzeuge.

Größere Verkaufszahlen im Land schreibt Skoda. Jedes zehnte Fahrzeug der VW-Tochter wird in Russland produziert. Entsprechend  besorgt über die eskalierende Lage hatte sich ein Konzernsprecher am Mittwoch gezeigt. Es werde laufend überprüft, welche Auswirkungen das auf die Sicherheit der Mitarbeiter und das Geschäft habe, sagte er.

BMW hat neulich erst die auslaufende Partnerschaft mit dem russischen Autohersteller Avtotor bis 2028 verlängert. Das Werk in Kaliningrad soll für umgerechnet 350 Millionen Euro ausgebaut werden. Die Münchener kommen auf einen Marktanteil von rund drei Prozent in Russland. Avtotor baut die BMW-Fahrzeuge zusammen, künftig sollen sie dort sogar komplett gebaut werden. Zuletzt kam BMW an seinem russischen Standort auf etwa 10.000 Produktionen pro Jahr.

Mercedes kommt ebenfalls auf einen Marktanteil von rund drei Prozent. Nach Unternehmensangaben ist Russland ein wichtiger europäischer Markt und Produktionsstandort. Die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” zitiert Mercedes-Chef Ola Källenius: “Unsere Gedanken sind bei den Menschen in der Ukraine. Das Geschäft ist zweitrangig.”

Größter Autobauer in Russland stellt sich auf Chip-Mangel ein

Nicolas Maure, oberster Manager des russischen Autobauers Avtovaz, hatte seine Mitarbeiter bereits in den vergangenen Tagen auf einen möglichen Krieg und in der Folge auf Sanktionen eingestellt. Er hatte seine Mitarbeiter angewiesen, sich um alternative Bezugsquellen für Elektronikchips und andere Teile zu kümmern. Avtovaz gehört zum Renault-Konzern und ist der größte Autobauer in Russland.

Das Unternehmen verzeichnet rund 90 Prozent seiner Umsätze (insgesamt rund 2,8 Milliarden Euro) in Russland und trägt mit einem Anteil von etwa sechs Prozent zum Gesamtumsatz des Mutterkonzerns Renault bei. Zwar war das Avtovaz-Geschäft im vergangenen Jahr leicht gesunken, dennoch konnte der Autobauer seinen Umsatz in Russland um gut zehn Prozent steigern.

Zunehmende Lieferengpässe erwartet

Neben den US-Sanktionen gegen russische Banken und Transaktionen russischer Finanzinstitutionen verbietet die Regierung in Washington den Export von Hightech-Produkten nach Russland. Darunter fallen unter anderem Halbleiter, der Hauptbestandteil von Chips, Computer sowie Telekommunikations- und Verschlüsselungstechnik. Das soll teils auch für Produkte gelten, die im Ausland hergestellt sind, aber US-Technologie beinhalten. US-Präsident Joe Biden sagte: “Das wird ernsthafte Kosten für die russische Wirtschaft verursachen, sowohl sofort als auch mit der Zeit.”

Eine japanische Quelle aus der Chipindustrie, die anonym bleiben wollte, schätzte die Situation weniger dramatisch ein: “Die Chiphersteller spüren keine direkten Auswirkungen, aber die Unternehmen, die sie mit Materialien für die Halbleiterherstellung beliefern, kaufen Gase, einschließlich Neon und Palladium, aus Russland und der Ukraine.” Die Verfügbarkeit dieser Materialien sei bereits knapp, sodass jeder weitere Druck auf die Lieferungen die Preise in die Höhe treiben könnte. “Das wiederum könnte sich in höheren Chip-Preisen niederschlagen.”

“Wir verstehen, dass Berichte über mögliche Lieferunterbrechungen bei Mineralien und Edelgasen aufgrund der anhaltenden Spannungen zwischen Russland und der Ukraine für die Halbleiterindustrie besorgniserregend sind”, teilte der Speicherchiphersteller Micron Technology mit. Er ergänzte jedoch, dass er seine Beschaffung “diversifiziert” habe. So sieht es offenbar auch bei anderen Chip-Herstellern aus. Sie hatten ihre Lieferketten aufgrund des Handelsstreits zwischen den USA und China, der Corona-Pandemie und des diplomatischen Streits zwischen Japan und Südkorea bereits umgestellt. Einige Unternehmen hatte diese Maßnahmen bereits nach der Annexion der Krim im Jahr 2014 eingeleitet.

Professor Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach, prognostizierte: “Russland wird lange Zeit als wichtiger Absatzmarkt und Produktionsstandort für die Automobilindustrie ausfallen. (…) Die Automobilindustrie wird für viele Jahre keine relevanten Investitionen in Russland tätigen. Allerdings ist auch mit erheblichen indirekten Folgen für die Automobilbranche in Deutschland und Europa zu rechnen. So werden in den nächsten Jahren nicht zuletzt aufgrund der Verteuerung der Energie- und Mineralölpreise die Kosten für die Automobilproduktion und für die Autonutzung steigen.”

Produktionen in Ukraine stehen still

In der Ukraine stehen sämtliche Produktionen nun komplett still. Dort gibt es laut der Deutsch-Ukrainischen Industrie- und Handelskammer rund 2000 Unternehmen mit deutscher Beteiligung. Ein Großteil hat seinen Sitz demnach im Westen des Landes, 700 Kilometer entfernt von dem Hauptkonfliktort entfernt. Der Automobilzulieferer Leoni hat die Produktion in seinen beiden ukrainischen Werken eingestellt und die Beschäftigten nach Hause geschickt. Man verfolge die Eskalation der Lage mit “Fassungslosigkeit”. In der Ukraine sind viele mittelständische Autozulieferer angesiedelt.

Vor der Eskalation der Lage habe es vermehrt Investitionsanfragen von deutschen Firmen gegeben, so die Deutsch-Ukrainische Industrie- und Handelskammer. Peter Adrian, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) ist besorgt: “Die wirtschaftlichen Folgen dieser Invasion sind noch nicht absehbar, sie sind aber ganz sicherlich schwerwiegend.”

Quellen: Manager-MagazinReuters, Frankfurter Allgemeine Zeitung Printausgabe, Pressinform, mit Material der DPA



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