Bergtour in der Liegfeistgruppe
Nervenkitzel im November: Herbstliches Gipfelsammeln am Reuttener Höhenweg

Das Gipfelkreuz auf der Vorderen Steinkarspitze

Das Gipfelkreuz auf der Vorderen Steinkarspitze

© Gotlind Blechschmidt

Eine 13 Kilometer lange Herausforderung in Tirol: Der Reuttener Weg führt an einem versicherten, ausgesetzten Zackengrat über Hintere und Vordere Steinkarspitze und auf Wiesenhängen weiter zu Galtjoch und Abendspitze.

Von Gotlind Blechschmidt

Jede Unternehmung in den Bergen steht und fällt mit dem Wetter, daran besteht kein Zweifel. Das kommende Wochenende, Anfang November, würde sich vielleicht noch mal für eine Tour eignen. Einige Bergwetterberichte sprechen von Föhnlage mit gutem Wetter, andere kündigen Regen an. Voller Optimismus wage ich es und fahre gen Süden bis Stanzach im Lechtal. Um sieben Uhr früh regnet es noch, und auch um acht. Aber dann reißt es auf, und ein bisschen blauer Himmel leuchtet durch, die Hochlagen sind schon weiß überzuckert.

Zum Kelmer Jöchl

Von Stanzach führt eine Verbindungsstraße über Kelmen bis Bichlbach im Außerfern. Vom Parkplatz in Kelmen folge ich der ausgeschilderten Strecke zunächst über eine Forststraße und später auf einem nach den Regenfällen rutschigen Pfad ziemlich steil bergan.

Zum Schluss leitet er mit einer Querung an einem erodierten Hang nach links hinaus an den Rand eines großen Karkessels. Hier öffnet sich ein fantastisches Panorama von der dunklen, fast furchterregenden Knittelkarspitze mit ihrer schattigen Ostwand links und weiter über die Hintere und Vordere Steinkarspitze bis zum sanften Galtjoch rechts: Das ist der Grat, an dem der Reuttener (Höhen-)Weg entlangführt. Ganz rechts spitzelt noch die Abendspitze hervor, und hinter mir prangt die stolze Namloser Wetterspitze.

Ins Steinkar

Fast ebenerdig geht es entlang der Karschwelle bis zu einer Wegabzweigung – ich folge dem Wegweiser zur Steinkarspitze nach links und steige in mäßig steilem Gelände zwischen Alpenrosen, Latschen und offenen Wiesenhängen in das Steinkar hinein. Im Sommer müssen hier herrliche Blumenwiesen sein, jetzt aber leuchten nur noch einzelne Blütenköpfe hervor. Der Pfad quert nach links unter der Hinteren Steinkarspitze entlang bis zu einer Wasserstelle. Bei einer unangenehmen Schuttrinne bietet ein Stahlseil gute Sicherung.

Reuttener Höhenweg

Am Joch über dem Steinkar beginnt der Reuttener Höhenweg.

© Gotlind Blechschmidt

Es folgt ein versicherter Zickzackweg durch die Schrofen. Die lockere Geröllauflage möchte ich nicht in umgekehrter Richtung des Abstiegs gehen, zumal wieder Regen einsetzt. Wenigstens ist der Weg mit roten Punkten gut markiert und die Wegfindung insgesamt kein Problem. Nach einer weiteren Versicherung erreiche ich die Abzweigung zur Knittelkarspitze. Hier warnt ein Schild: „Reuttener Weg nur für Geübte!“ Hinter einer kleinen Felszacke stehe ich endlich am Grat, wo rechts der Reuttener Weg beginnt.

Am Zackengrat entlang

Die Felszacken sind durchaus beeindruckend, irgendwie hatte ich mir einen bequemeren Höhenweg vorgestellt. So schwindele ich mich nun am wirklich beidseitig ausgesetzten und oft versicherten Grat über sieben Felstürme hinweg, zuerst links, aber meist rechts des Grats, immer mal ab- und aufsteigend. An einer Leiter geht es knappe zehn Meter hoch. Danach folgt eine leichte Kletterei, weiterhin ausgesetzt am Grat.

Reuttener Höhenweg

Versicherungen am Reuttener Höhenweg

© Gotlind Blechschmidt

Über Pfadspuren erreiche ich, zuletzt unschwierig, die Hintere Steinkarspitze, wo es – etwa bei Gewitter – auch einen Notabstieg über die Wiesen geben würde. Die Sonne hat jetzt endgültig den Regen vertrieben, und die weite Sicht reicht zu den Lechtaler Bergketten, zum Hochvogel in den Allgäuer Alpen, zu den Tannheimer Bergen und dem Daniel- und Zugspitzmassiv.

Am breiten Rücken steige ich zuerst problemlos zwischen Graspolstern und Schutt in eine Scharte hinunter und wieder etwas aufwärts. Eine längere versicherte Stelle mit Seilen leitet in eine nächste Scharte hinab, von der es leicht auf die Vordere Steinkarspitze geht. Im Gipfelbuch haben sich nur wenige Besucher eingetragen – wirklich eine fast vergessene Tour!

Galtjoch und Abendspitze

Beim weiteren Abstieg ist Vorsicht geboten: Lockerer Schutt liegt auf dem Weg, und es handelt sich weiterhin um Absturz- und Schrofengelände. Doch bis zum Galtpleisjoch, wo von rechts ein Steig zum Kelmer Jöchl einmündet, wird es besser. Hier bietet sich die Option für einen kürzeren Rückweg. Da das Wetter jetzt stabil ist, besteht aber kein Grund, die lange Grattour abzukürzen. Trittspuren leiten am breiten Wiesenrücken zum Galtjoch mit seinem großen Kreuz hinauf – nach dem ausgesetzten Gelände bislang kommt mir dies nun wirklich wie ein Parkspaziergang vor.

Nach einer Rast geht es am mäßig steilen Nordostrücken zum Stiegelejoch herunter. Von hier liegt die Abendspitze gerade mal zehn Minuten entfernt. Der Pfad führt durch Latschen hoch, und auch dort wartet ein allerdings bescheideneres Gipfelkreuz. Die Sicht zur Zugspitze und zur spitzen Zacke des Daniels links davon ist von hier aus noch eindrucksvoller als vom Joch. Nach Stunden der Bergeinsamkeit begegnen mir nun die ersten Leute, die von der Reuttener Hütte (einer Selbstversorgerhütte der Sektion Reutte) eine kleine Nachmittagstour auf die Abendspitze unternehmen.

Über die Ehenbichler Alm nach Rauth

Zurück am Stiegelejoch wende ich mich nach links. Der Weiterweg ist mit roten Eisenbügeln im Wiesenboden markiert und führt zu einem Bachlauf. Bald taucht er in den Wald ein und trifft danach auf eine Almstraße. Auf ihr erreiche ich bald die Ehenbichler Alm. Gleich beim Terrassengeländer nehme ich rechts den Pfad, der in angenehmem Gefälle durch den Wald leitet, und wähle bei einer Abzweigung die linke Strecke.

In Rauth erwartet mich noch ein Anstieg von circa hundert Höhenmetern bis nach Rinnen. Am kleinen Parkplatz ist jetzt niemand mehr – so heißt es, die Beine noch einmal in die Hand zu nehmen und dem Fahrsträßchen bergan zu folgen. Ein aufmerksamer Autofahrer reagiert auf mein Handzeichen und bringt mich zu meinem Fahrzeug zurück, bevor es ganz dunkel wird. Ich bin sehr zufrieden, denn trotz kurzer Tageslänge habe ich den Reuttener Höhenweg geschafft und weiß jetzt endlich, wie es dort oben aussieht.

Der Text erschien in: „Vergessene Berge – Unberührte Wanderparadiese in den Alpen entdecken“ von Gotlind Blechschmidt (Herausgeberin), Bruckmann Verlag, 304 Seiten mit ca. 300 Abbildungen, Preis: 29,99 Euro.

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