M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier
Bevor es zu spät ist

Micky Beisenherz

© Illustration: Dieter Braun/stern

Egal, wie stressig der Alltag auch sein mag: Mit freundlichen Antworten, Versöhnungszeilen und warmen Worten sollte man nicht warten.

Von Micky Beisenherz

Diese Geschichte geht nicht gut aus, so viel vorweg. Persönliche Nachrichten sind keine Aktien und kein Rotwein. Sie werden nicht besser, je länger man sie liegen lässt. Aber auch sie ändern ihren Charakter, wie ich feststellen sollte.

Es ist ein paar Tage her, dass ich mir diesen kleinen Stapel mit Unerledigtem vorgenommen habe. Gemütlich im Sessel, links auf dem Beistelltisch all die Briefe, die zu öffnen mir über die Feiertage schlicht die Kraft gefehlt hatte. Oft völlig zu Recht, wer mag schon Strafzettel oder Rechnungen? Der Hügel der Schande, Mount EverPest.

Unter diesen Papieren war eine wirklich rührende Weihnachtskarte von Christian. Ich hatte ihn ein paar Monate nicht gesehen, zuletzt hatten wir im Sommer zusammengearbeitet. In seinem kleinen Brief erinnerte er an diese Wochen. An diesen ganzen Irrsinn, der unsere Produktion begleitet hatte, daran, dass wir so dankbar sein könnten, es am Ende doch hingekriegt zu haben, und wie schön es sei, dass so Leute wie wir uns kennen würden.

Ich hatte ihn sofort vor mir, mit seiner für ihn typischen diebischen Begeisterungsfähigkeit. Wie er es möglich gemacht hatte, dass wir diesem beschissenen Auftritt der DFB-Elf zumindest noch einen tollen Nachmittag in einem Münchner Biergarten abtrotzen konnten. Mit Christian als Zeremonienmeister, der wie ein Hirte die Lustbegabten zusammentrieb, bevor uns der Arbeitsalltag wieder entkernen würde. Er hatte völlig recht, sich auf all das zu freuen, was in Zukunft noch kommen würde.

Vom warmen Gefühl beseelt, wollte ich ihm direkt antworten, mich bedanken, ihm schreiben, was für eine Freude es sei, gemeinsam Quatsch erleben zu dürfen. Natürlich kam was dazwischen. Ein Anruf, eine Mail, ein “Guck mal, was der Typ bei RTL da anhat”, was auch immer.

Wieso stirbt einer mit Mitte 40?

Zwei Tage später war klar: Die Zukunft muss ohne ihn stattfinden. Ein Bild von ihm bei Instagram, das ein gemeinsamer Kollege gepostet hatte. In Schwarz-Weiß. Die Dinge haben manchmal etwas seltsam Erdrutschartiges. Ich hatte kaum die Gelegenheit, zu verarbeiten, was für ein Text unter diesem sonderbar farblosen Foto geschrieben stand, da gingen parallel bereits erste Nachrichten ein. “Du hast es sicher schon gehört. Christian ist gestorben.”

Man sagt gern, dass man etwas nicht fassen kann. In der Tat gelang es mir nicht, den ganzen Umfang dieser Info zu fassen zu kriegen. Es hielt mich wach. Wieso stirbt einer mit Mitte 40? Warum der, dessen Worte doch eben noch als schwacher Abdruck auf meiner Netzhaut verweilten?

Der Hintergrund der Tragödie: eine quälend banale Routineoperation nur wenige Tage zuvor. Komplikationen. Sepsis. Eine kurze Phase des Abschieds. Zurück bleiben Frau, kleine Kinder. Fassungslosigkeit. Leere.

Und dann siehst du diesen Kerl vor dir, mit der Ausgelassenheit, die man sonst vermutlich nur bei Erstklässlern erlebt. Diese reine Freude am Sein, die auch der nervigste Job nicht kaputt kriegen konnte, und du kriegst es nicht zusammen, wieso … und … ach.

Das Leben als Grand-Prix. Da ist die Startlinie. Da ist die Ziellinie. Manchmal platzt ein Reifen. All das dient mir als Mahnung. Wie stressig der Alltag auch sein mag: Freundliche Antworten, nette Zeilen, warme Worte sollte man nie aufschieben, Gelegenheiten zur Versöhnung nie verstreichen lassen! Bevor offene Fragen zu offenen Wunden werden.

Schön, dass ich’s mir mal von der Seele schreiben konnte. Aber die Person, die es anging, wird es nicht mehr lesen können.

Er wird fehlen.

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