Formel 1-Weltmeister
Max Verstappen – nur das skrupellose Wunderkind konnte Hamiltons Dominanz brechen

Max Verstappen

Max Verstappen

© Kamran Jebreili / AFP

Max Verstappen hat nach einem denkwürdigen Saisonfinale seinen ersten WM-Titel gewonnen und die siebenjährige Dominanz von Lewis Hamilton und Mercedes durchbrochen. Nur ein außergewöhnlicher Fahrer wie der Niederländer war dazu in der Lage.

Der geschlagene Lewis Hamilton blieb am Ende ein fairer Verlierer: “Zuerst Gratulation an Max und sein Team. Sie haben einen großartigen Job gemacht”, sagte er in der Nacht von Abu Dhabi gefasst ins Mikrofon. Immerhin hatte der Brite in einem wahnsinnigen Rennen gerade den historischen Triumph verpasst, als erster Pilot in der Formel 1 acht Titel zu gewinnen.

Dass Max Verstappen seinem Rivalen Hamilton die Krone in dieser denkwürdigen Nacht entriss, war eine der wundersamsten Wendungen zu verdanken, die dieser Sport wahrscheinlich je gesehen hat. Zunächst lief alles für den Mercedes-Piloten. Hamilton hatte auf zweiter Position stehend den Start gegen Verstappen gewonnen, weil dessen Räder durchdrehten.

Max Verstappen schien schon geschlagen

Anders ausgedrückt: Verstappen hatte den Start schlicht versemmelt und war 57 Runden hinter Hamilton hergefahren, der wie der sichere Sieger aussah. Erst das Safety-Car und der verpasste Reifenwechsel von Mercedes brachten Verstappen wieder ran an den Führenden. Mit frischen Reifen und Windschatten überholte Verstappen Hamilton in der vorletzten Runde (!) – und siegte.

Wenn all die frischen Eindrücke und die flatternden Nerven sich wieder beruhigt haben und man auf das Saisonfinale zurückblickt, wird man feststellen: Nur ein Fahrer von der außergewöhnlichen Klasse Verstappens war in der Lage die siebenjährige Dominanz von Mercedes und Hamilton zu durchbrechen. Die Formel 1 hat Verstappen und seinem Team einen der spannendsten Titelkämpfe ihrer Geschichte zu verdanken. Mit einem würdigen Finale, dass der 24-jährige Red-Bull-Pilot mit Glück und Können für sich entschied.

Das Rennen zeigte noch einmal wie ein Abziehbild die ganze Saison. Es war ein Duell, dass äußerst hitzig und brutal geführt wurde. Mit Rammstößen auf der Strecke, giftigen Verbal-Attacken und gegenseitigen Anschuldigungen der Teams beim Motorsport-Weltverband Fia. Selbst nach den Finale von Abu Dhabi legte Mercedes Protest gegen die Entscheidung der Rennleitung ein, das Rennen zwei Runden vor Schluss noch einmal frei zu geben.

Schnell, aggressiv und mit Nerven aus Stahl 

Mit dem WM-Titel krönt Verstappen seine Karriere, und man darf davon ausgehen, dass der 24-Jährige noch den einen oder anderen Titel hinzugewinnen wird. Als er mit 17 bei Toro Rosso (dem Nachwuchsteam von Red Bull) in der Formel  1 debütierte, gab es Kritik aus dem Fahrerlager. Es hieß, die Berufung eines so jungen Fahrers sei ein Sicherheitsrisiko. Doch die Stimmen verstummten schnell. Der stern sprach 2016 nach Verstappens ersten Grand-Prix-Sieg in Barcelona von einem Urknall im Formel-1-Universum.

Schnell, aggressiv und mit Nerven aus Stahl – so könnte man die herausragendsten Talente des Niederländers benennen. Verstappen ist vermutlich einer der begabtesten Fahrer, den die Formel 1 je erlebt hat. Dass er mit seiner Härte oft über das Ziel hinausschießt, hat ihm viel Kritik eingebracht.

In dieser Saison, in der Red Bull nach langen Jahren endlich mal wieder ein konkurrenzfähiges Auto auf die Piste stellte, nutzte Verstappen diese Härte. Er überstand die Kollision mit Hamilton in Silverstone, nach der er in die Bande raste. Während Hamilton den Sieg auf seiner Heimstrecke feierte, wurde Verstappen im Krankenhaus untersucht.

Monza war ein Tiefpunkt im Duell

Der zweite heftige Vorfall ereignete sich in Monza. In der Schikane fuhr Verstappen eines seiner Lieblingsmanöver. Er setzte sich hinter Hamilton liegend in der ersten Schikane neben den Briten und gab nicht nach. Er nutzte eine Lücke, die im Grunde genommen nicht existierte. Die Folge: Verstappens Auto rutschte über den Silberpfeil von Hamilton – hätte es den Halo-Bügel über dem Cockpit nicht gegeben, hätte sich Hamilton schwer verletzen können. Oder Schlimmeres. Verstappen erhielt eine Strafe. In saudi-arabischen Dschidda ließ Verstappen Hamilton auffahren, was allerdings keine Folgen hatte.

Es sind Manöver wie in Monza, die ihn manchmal wie einen Pisten-Extremisten aussehen lassen, der skrupellos seine Ziele verfolgt. Einige finden, Verstappen schießt zu oft über das Ziel hinaus. In der Netflix-Doku “Drive to survive” ist er in einer Szene aus dem Jahr 2018 zu begutachten. Darin droht er nach dem Rennen in Sao Paulo dem ebenfalls sehr jungen Esteban Ocon Prügel an, weil der Verstappen angeblich abgeschossen hatte. So sah es auf jeden Fall der Niederländer selbst. Es sind solche Szenen, in denen der neue Titelträger mit dem Charme eines Wirtshausschlägers daherkommt. 

Für Verstappen-Unterstützer ist das aber genau die Wettkampfhärte, die es braucht, um ein Über-Team und seinen Über-Fahrer Hamilton die Stirn zu bieten. Doch mehr noch als der raue Charme macht Verstappen sein unglaubliches Talent aus. Mit dem WM-Titel bestätigt er, dass er einst zu recht als Wunderkind gehandelt wurde. Das Wunderkind ist jetzt erwachsen. In der nächsten Saison wird er sich wieder ein beherztes Duell mit Hamilton liefern.



Source link

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.