P. Köster: Kabinenpredigt
The show musst go on: Max Eberl tritt unter Tränen ab. Aber es geht einfach weiter, mitleidslos

Max Eberl auf Pressekonferenz

War was? Routiniert ging die Pressekonferenz weiter, nachdem Gladbachs Sportchef Mx Eberl (M.) seinen Rücktritt verkündet hatte.

© Christian Verheyen/Borussia Mönchengladbach / DPA

Wer glaubt, der Profifußball würde nach Max Eberls Demission kurz innehalten, wird enttäuscht. Die Show muss weitergehen, prophezeit stern-Stimme Philipp Köster.

Als Max Eberl am Freitagmittag vor die Presse trat, war die Erwartungshaltung an den Manager des Bundesligisten Borussia Mönchengladbach klar. Wortreich würde er erklären, warum sich die Wege nun trennen würden, wie dankbar er der Borussia für die vergangenen Jahrzehnte sei und ganz eventuell würde er auch schon bekanntgeben, bei welchem Klub er demnächst anheuern werde. Allein, es kam auf verstörende Weise anders. Denn Eberl erzählte unter Tränen von seiner tiefen Erschöpfung, von fehlender Kraft und großer Müdigkeit und dem unbedingten Wunsch, jetzt sofort einen Schlussstrich zu ziehen. Nach 23 Jahren im Verein, als Spieler, Jugendkoordinator, Manager. “Ich muss raus” sagte Eberl.

Und mittendrin: der erschöpfte Max Eberl

Es war das dramatische Geständnis eines Menschen am Ende aller Kräfte. Womit die Pressekonferenz eigentlich hätte beendet sein müssen. Doch was anschließend geschah, war auf schreckliche Weise exemplarisch für den Fußballbetrieb und seine bisweilen gruseligen Deformationen. Es dauerte nämlich nur wenige Minuten, da war das schockierende Eingeständnis des Managers schon beinahe wieder vergessen, da wurden die anderen Funktionäre bereits wieder nach Nachfolgekandidaten und möglichen Transfers ausgefragt, ganz so als säße da der erschöpfte, depressive Eberl nicht mehr mittendrin. Dass sich Borussen-Präsident Rolf Königs zu der Bemerkung hinreißen ließ, man habe das “respektiert, nicht akzeptiert”, ganz so, als stünde ihm das überhaupt zu, war der makabre Tiefpunkt einer entlarvenden Veranstaltung.

Denn tatsächlich ist Eberl nur einer unter vielen Funktionären, Trainern, Angestellten im Fußballgeschäft, die weit über ihre Kräfte arbeiten, die Berge an Überstunden vor sich herschieben, die zu jeder Tages- und Nachtzeit an ihr Handy gehen. Kurzum, einer von vielen, die die permanente Aufgeregtheit, die selbstbehauptete Wichtigkeit des Fußballs zur Dominante ihres Lebens gemacht haben. Die dem Fußball innewohnende Hektik, der permanente Druck verformt die Menschen. Alles dreht sich bei ihnen um den Fußball, um das Spiel am nächsten Samstag, um den nächsten Transfer. Es ist nahezu unmöglich mit einem Manager oder Trainer der oberen Ligen ein Gespräch zu führen, dass nicht spätestens nach fünf Minuten wieder bei irgendeinem Klub, Trainer oder Stürmer landet. Theater, Musik, Politik, Kultur, nichts davon ist interessant, immer geht es nur um Fußball, Fußball, Fußball.

Hinzu kommt die gnadenlose Härte des Geschäfts. Der Fußball mag ein Sport der großen Gefühle sein, der geschäftliche Teil des Profisports ist jedoch ein brutales und rücksichtsloses Gewerbe – eine direkte Konsequenz der Unsummen, die der Fußball mit sich selbst verdient und um die sich alle balgen. Der eklatante Gegensatz zwischen dem Pathos öffentlicher Verlautbarungen und der Geschäftemacherei hinter den Kulissen lässt viele Angestellte und mittleren Funktionäre zynisch werden oder abstumpfen. Wer an Spieltagen durch die Business-Bereiche flaniert, sieht sie dort, in viel zu engen Business-Hemden, mit müden Augen und viel zu lautem Gelächter.

Weder Zyniker noch Apparatschik

Max Eberl hat stets versucht, sich alldem zu entziehen. Er wollte weder zum Zyniker werden noch zum Apparatschik. Wer mit ihm sprach, erlebte stets einen wachen, neugierigen und auch nach vielen Jahren noch begeisterungsfähigen Menschen. Dieser permanente Widerstand gegen die Gesetze des Profifußballs hat ihn immer viel Kraft gekostet, am Ende wohl zuviel. Eberl wirkte auf der Pressekonferenz müde, angefasst und zugleich erleichtert, wenigstens einen ersten Schritt zur Rettung seiner selbst getan zu haben.

Zugleich wird ihm diese Pressekonferenz, auf der er zum Schluss immer noch saß und doch furchtbar einsam wirkte, klar gemacht haben, dass die Show ohne ihn einfach weitergeht. Niemand im Fußballbetrieb hat ein gesteigertes Interesse daran, einmal innezuhalten und sich zu fragen, ob man so weitermachen und diesen Dauerbetrieb aus Druck, Überlastung und permanenter Beobachtung aufrechterhalten will. Das ist auch eine Frage, die sich direkt an die Medien und die Öffentlichkeit richtet, die gierig jedes noch so absurde Gerücht aus der Branche aufsaugt und tausendfach weiterträgt.

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“Bei Eberl geht’s um Frust, verletzten Stolz und Liebe” hatte beispielsweise die “Bild”-Zeitung über die angeblich “wahren Gründe für das Gladbach-Beben” geschrieben. Tatsächlich war das weitgehend erfunden, wie Eberl dezidiert betonte. Der zuständige Reporter saß natürlich auch im Publikum. Richtigzustellen hatte er nichts. Die Show muss weitergehen.



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