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Krankenhausbetten

Nordafrikanisches Königreich Marokko verliert seine teuer ausgebildeten Ärztinnen und Ärzte häufig ans Ausland und gerät dadurch selbst in Not.

Rabat – Es ist eine besorgniserregende Entwicklung, die man bisher vor allem bei IT-Fachkräften und Ingenieuren kannte. Nun wandern auch marokkanische Mediziner ab und arbeiten lieber im Ausland, als in ihrem eigenen Land.

Das Königreich Marokko hat in Folge der COVID-19 Pandemie, wie eigentlich alle Länder der Welt, feststellen müssen, dass das eigene Gesundheitssystem gravierende Mängel hat und größtenteils nur deshalb noch halbwegs funktioniert, weil es, eine überwiegende Mehrheit von Menschen gibt, die ihre Tätigkeit, z.B. in den Krankenhäusern, als Berufung empfinden und sich sehr für die Gesellschaft und ihre Mitmenschen engagieren.

Auch Marokko hat in den letzten Pandemiejahren festgestellt, dass es einen erheblichen Personalmangel im Gesundheitswesen gibt und das dieser Mangel auch den Aufbau von Sozialversicherungssystemen gefährden könnte, deren Kern vor allem eine allg. Krankenversicherung und das Versprechen des Zugangs zur medizinischen Behandlungskapazitäten ist.

Der Nationale Rat für Menschenrechte (CNDH) schlägt die Alarmglocke.

Der Personalmangel im Gesundheitswesen nimmt in Marokko immer mehr zu, während das Land jährlich Hunderte von Ärzten verliert.

Zwischen 600 und 700 oder sogar mehr marokkanische Ärztinnen und Ärzte verlassen jedes Jahr das Land, um in europäischen, amerikanischen oder sogar asiatischen Krankenhäusern zu behandeln. Diese große Abwanderung von Gesundheitsfachkräften erfolgt zu einer Zeit, in der das Land 32.000 zusätzliche Medizinerinnen und Mediziner benötigt, um den Bedürfnissen der Bevölkerung nach Zugang zu medizinischer Versorgung gerecht zu werden. Der Nationale Rat für Menschenrechte (CNDH) hat diese alarmierende Feststellung in seinem Bericht mit dem Titel „L’effectivité du droit à la santé Défis, enjeux et voies de renforcement“ (Die Wirksamkeit des Rechts auf Gesundheit – Herausforderungen und Wege zur Stärkung) formuliert, der am Freitag, den 22. April 2022, in Rabat vorgestellt wurde.

Krank
Krankenhaus Moulay Ali Chrif – Errachidia

Praktisch 30% der Medizinerinnen und Mediziner verlassen das Land.

Die vom CNDH gesammelten Daten zeigen, dass auf die 23.000 in Marokko tätigen Ärztinnen und Ärzte zwischen 10.000 und 14.000 marokkanische Medizinerinnen und Mediziner mit Tätigkeit im Ausland kommen, welche vor allem in Europa tätig sind. Somit arbeitet eine bzw. einer von drei in Marokko ausgebildeten Ärztinnen oder Ärzte im Ausland, und das trotz des „dringenden Bedarfs“ des Königreichs an Gesundheitsfachkräften, wie der Rat betont. Ein gewaltiger Verlust an Wissen und ein enormer volkswirtschaftlicher Schaden für Marokko, da das nordafrikanische Königreich zu den wenigen Ländern der Welt gehört, in denen das Studium zumindest an staatlichen Universitäten nahezu kostenfrei oder gar mit staatlicher Unterstützung aufgenommen werden kann. Als Ursache für diesen Aderlass gelten geringe Verdienstmöglichkeiten, insbesondere im Vergleich zum Ausland, eine schlechte administrative Organisation im Gesundheitswesen und fehlende Anreize zum Ausbau der Versorgung.

Zugang zur medizinischen Versorgung gefährdet.

Während die Regierung des Landes, nach den Vorgaben von König Mohammed VI., sich am Aufbau eines neuen Sozialsystems mit einer allgemeinen Krankenversicherung versuchtt, könnte die Umsetzung bereist daran scheitern, dass die Patientinnen und Patienten nicht versorgt werden könnten, selbst wenn genügend Finanzmittel und medizinische Einrichtungen zur Verfügung stehen würden. Es ist schlicht niemand da, der die Behandlung vornehmen würde. Zwar hat Marokko seinerseits die Gesetze für im Ausland ausgebildete Medizinerinnen und Mediziner sowie für Studentinnen und Studenten gelockert, womit man vor allem aus afrikanischen Ländern Fachkräfte anlocken will, aber dann würde man den Mangel einfach nur an das nächste Land weiterreichen, sofern das Königreich attraktiv genug wäre, um „erfolgreich“ anzuwerben.

Der Menschenrechtsrat empfiehlt in seinem Bericht den verantwortlichen das Gesundheitssystem umzubauen. Neben der Überarbeitung der finanziellen Ausstattung und der Gehälterstrukturen müsse eine grundsätzliche Haltung in Richtung Prävention von Erkrankungen durch die Gesellschaft getragen werden.

Folgen für die Gesellschaft

Aus der Empfehlung des CNDH kann man als geneigte Leserin und Leser eigentlich nur schließen, dass die Regierungen gegen potentiell die Gesundheit schädigenden Elemente vorgehen muss, wie Fettleibigkeit, Diabetes, Nikotin, Bewegungsmangel, Umweltgifte wie Autoabgase oder aus der Müllverbrennung.

Zugleich muss man den Bürgerinnen und Bürgern aber auch nicht mehr versprechen, als letztendlich später zu halten ist. Es mag früher oder später Verbesserungen bezüglich des Zugangs zur medizinischen Versorgung geben, das Niveau könnte aber weiterhin nur für afrikanische Verhältnisse gut sein.

Aber vielleicht bedarf es einer grundsätzlichen Neudefinition eines allgemeinen Wohlstandsbegriffs. Seitdem verstärkten Aufkommens des neoliberalen Wirtschaftsmodells und der Globalisierung definieren viele Menschen Wohlstand als Zugang zu Konsumgütern, unter denen oft auch Medikamente und ärztliche Behandlungen zu fallen scheinen.
Vielleicht muss man sich grundsätzlich von der Definition des Volkseinkommens oder Wohlstand als Gütergröße verabschieden und anstelle dessen, die Verringerung des allgemeinen Lebensrisikos heranziehen, ähnlich wie in skandinavischen Ländern, die bei der Messung der Lebenszufriedenheit meist die obersten Plätze bei Rankings einnehmen.

Dies hätte zur Folge, dass ein neuer Solidaritätsansatz in der Gesellschaft anstelle des Wettbewerbsansatzes verankert werden muss, der ohnehin, aufgrund der begrenzten Ressourcen, nicht mehr lange aufrechterhalten werden kann.

Für das Gesundheitswesen hieße dies, Anreize schaffen, für das „gesunde“ Leben, beginnend bei der eigenen Lebensführung aber auch im Berufsleben durch die Arbeitgeber, und zugleich eine Abstrafung von gesundheitsgefährdenden Faktoren, z.B. durch hohe Steuern auf ungesunde Lebensmittel oder sog. Genussmittel, wie Alkohol und Nikotin. Wer jetzt glaubt, diese wäre utopisch, der frage sich unter rein ökonomischen Ansätzen günstiger wäre.

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