Marrakech
Marrakech – Jama El Fna – Zentraler Platz vor der Altstadt der Königsstadt

COVID-19 Pandemie, Grenzschließungen und diplomatischer Konflikt mit Deutschland belasten Geschäftstätigkeit und gefährden die Existenz zahlreicher deutschstämmige Unternehmerinnen und Unternehmer in Marokko.

Marrakech – Seit nun fast zwei Jahren hat die Coronavirus – Pandemie die Welt im Griff und hat zu zahlreichen Einschränkungen für das Leben der Menschen geführt. Viele Menschen haben sich infiziert, sind eventuell erkrankt und glücklicherweise wieder genesen, andere tragen vielleicht lebenslang Spätfolgen davon und nicht wenige verloren an das SARS-COV 2 Virus Familienangehörige sowie Freunde. Auch ohne direkten Kontakt des Einzelnen mit dem Virus hatte die Pandemie teils schwere Eingriffe in die bürgerlichen Freiheitsrechte zur Folge, beginnend bei der Maskenpflicht, Reisebeschränkungen oder Lockdowns und spaltete darüber hinaus die Gesellschaften. Viele Regierungen reagierten teils auch mit Grenzschließungen und ließen Menschen überall auf der Welt stranden oder sperrten diese damit ein.

Darunter auch Marokko, dass als Land selten gesehene strickte, direkte und nicht gerade zögerliche Maßnahmen ergriff, um die Bevölkerung zu schützen und das bis dahin schlechte Gesundheitswesen vor eine Überlastung zu bewahren. Neben den enormen Ausgaben für medizinische Ausrüstung und Impfstoffbeschaffung wirkten und wirken sich die Gegebenheiten auf die Wirtschaft aus. Als wäre dies nicht genug, lösten diplomatische Konflikte zwischen Marokko und Spanien, Algerien und nicht zuletzt mit Deutschland weitere Unsicherheiten aus.

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Besondere Bedeutung des Tourismussektors.

Das nordafrikanische Königreich hat für 2020 eine gesamtwirtschaftliche und durchschnittliche Rezession von 6,3% hinnehmen müssen. Doch die Zahl gibt die besondere Situation für einzelne Sektoren nicht wirklich zu erkennen. Gerade die Bereiche, die auf Kontakte aus dem Ausland, auf Geschäftsreisende oder den Tourismus angewiesen sind, wie die Beherbergungsbranche, Gastronomie, Transportwesen, haben sehr große Einnahmeverluste hinnehmen müssen, die auch trotz der positiven Prognosen für das Wirtschaftswachstum 2021 von 6,3% laut IWF nicht kompensiert werden können. Gerade der gesamte touristische Bereich leidet und ist zugleich eine bedeutende Größe. Er macht ca. 7% des BIP aus und beschäftigt 5% der erwerbstätigen Bevölkerung. Er ist einer der wichtigsten Wirtschaftszweige des Königreichs Marokko, hinter der Landwirtschaft und der Industrie. Trotz staatlicher Beihilfen und Steuererleichterungen geht man von hauptsächlich von der Pandemie beeinflussten und durchschnittlichen Verlusten in Höhe von 75% des Jahresumsatzes aus.

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Tourismus, Transportwesen Gastronomie und Kleinstbetriebe deutschstämmiger Unternehmerinnen und Unternehmer müssen erhebliche Einnahmeverluste verkraften

In Marokko sind nicht wenige deutschstämmige Unternehmerinnen und Unternehmer aktiv und in zahlreichen Bereichen tätig. Die IHK spricht von ca. 150 deutschen Unternehmen. Nicht mitgezählt sind die zahlreichen Einzelunternehmer. Viele haben sich den Traum vom eigenen Unternehmen, sehr häufig im Tourismussektor, erfüllt und sind nun entsprechend betroffen. Naturgemäß sind gerade Gäste aus Deutschland für diese Unternehmerinnen und Unternehmer sehr wichtig. Es ist aber nicht nur die Pandemie und die Unsicherheiten durch mögliche Reiseeinschränkungen oder Grenzschließungen, sondern auch Bedenken von deutschen Touristen oder Geschäftsreisenden zur Sicherheitslage, die durch die Reisehinweise oder Reisewarnungen des deutschen Auswärtigen Amts entstanden sind und im Zusammenhang mit den diplomatischen Differenzen zwischen Rabat und Berlin stehen. Seit Anfang des Jahres 2021 gibt es offiziell keinen diplomatischen Austausch zwischen beiden Ländern. Die marokkanischen Behörden haben die Kommunikation mit der deutschen Botschaft ausgesetzt und auch der Posten des deutschen Botschafters ist seit Sommer vakant. Daher weist das Auswärtige Amt in Berlin (mit aktualisiertem Stand vom 12. Dezember 2021) darauf hin, dass man deutschen Staatsbürger in schwierigen Situationen konsularisch eher nicht beistehen könne.

Viele deutschstämmige Unternehmerinnen und Unternehmer kämpfen ums wirtschaftliche Überleben.

Die Maghreb-Post hatte Gelegenheit, mit einigen Unternehmerinnen und Unternehmer mit deutschen Wurzeln in ihrer neuen Heimat Marokko in kontaktzutreten und nach ihrer Situation zu fragen. Die überwiegende Mehrheit ist im Tourismussektor und im Gastgewerbe tätig. Es sind aber auch Produzenten oder Dienstleister unter ihnen. Durch ihren Hintergrund machen deutsche Gäste oder Geschäftspartner einen wichtigen Teil ihres Geschäftsbetriebs aus.

Da wäre das Hotel Sherazade in Mitten der Altstadt von Marrakech, dass von der deutschstämmigen Sabina Benchaira und ihrem marokkanischen Mann seit 1996 betrieben wird. In ihrem Hotel kamen vor 2020 ca. 60% der Gäste aus Deutschland und Frau Benchaira berichtet, dass es seit Ausbruch der Pandemie nur noch ums wirtschaftliche Überleben gehen würde. Doch nicht nur die Pandemie hat Auswirkungen. Die Aussagen des Auswärtigen Amts in Berlin hätte ihre deutschen Gäste ebenfalls verunsichert. „Viele verstehen inhaltlich, dass Deutsche gar nicht ins Land dürfen,“ was aus Ihrer Sicht auch durch eine entsprechende Kommunikation der Reisebüros an potentielle Gäste verstärkt wird. Zugleich macht Frau Benchaira deutlich, dass ihr seit ihrem Umzug nach Marokko kein Fall untergekommen sei, bei dem die deutsche Botschaft einem Gast oder Ihr zur Hilfe kommen musste. Frau Benchaira ist es wichtig, allen Gästen zu vermitteln, dass die diplomatischen Probleme zwischen Deutschland und Marokko keinen Einfluss auf das Verhalten marokkanischer Behörden haben und das Land genauso gut oder eben nicht zu bereisen ist, wie zuvor.

Hotel
Hotel Sherazade Marrakech Familie

Frau Julia Bartels aus Berlin, Tochter des ehemaligen deutschen Botschafters in Marokko, Herwig Bartels, die dessen Riad (Riyad El Cadi) im Jahr 2003 übernahm und ca. 1/3 eines Jahres in Marokko verbringt, beschreibt die Coronazeit als „desaströs“, nach dem sich die Lage nach den Terroranschlägen in Europa 2015 gerade erst wieder erholt habe.

Für das Jahr 2020 war sie sehr optimistisch und dann kam die Pandemie, die Grenzschließungen und die damit verbundenen Umsatzausfälle. Auch bei ihr sind gerade deutsche Reisende gerne Gäste. Die Coronamaßnahmen führten nach ihren Angaben zu einem vollständigen Erliegen des Gästeaufkommens. Aus ihrer Sicht konnte die diplomatische Situation zwischen Berlin und Rabat die Situation kaum zusätzlich verschlimmern.

Riad
Quelle Bild Lydia Toll – Riyad El Cadi Marrakech

Erst als Reisen auch für Deutsche möglich wurden, zeigte sich, dass die Aussagen, die ausgesprochenen Reisewarnungen des Auswärtigen Amts, Wirkung hatten. Frau Bartels berichtet, dass „die deutschen Gäste oftmals mit dem Verweis auf die Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amtes die Reise entweder gar nicht buchen wollten, stornierten oder zumindest Zweifel daran hatten, die Reise antreten zu können.“ Sie sei mehrmals von Gästen darauf hingewiesen worden, dass ja „allgemein bekannt sei, dass man gar nicht nach Marokko einreisen könne“. (…) „Das keine konsularische Vertretung möglich sei, ist mehrfach als Grund für eine Absage oder Nichtbuchung genannt worden, nicht nur die Corona-Situation,“ so Frau Bartels weiter. Trotz der in Marrakech wirtschaftlich angespannten Situation beschreibt Frau Bartels die Marrakchis, wie sie die Bewohner der roten Königsstadt nennt, als gelassen und entspannt sowie gegenüber deutschen Besuchern uneingeschränkt freundlich. Ihre Haltung in Bezug auf den diplomatischen Streit zwischen Deutschland und Marokko beschreibt die Rechtsanwältin aber deutlich. „Eine Feindlichkeit Deutschen gegenüber ist für mich in keiner Weise zu bemerken. Allerdings sind alle, die ich in Marrakech gesprochen habe (auch die dort ansässigen Deutschen), der Ansicht, dass Deutschland sich im Verhältnis zu Marokko illoyal und inkorrekt verhält. Man hat Verständnis für die Haltung Marokkos in der Frage und wenig für die deutsche Sicht.“

Neben den Inhabern von Betrieben im Gastgewerbe sind auch andere Unternehmerinnen und Unternehmer betroffen. So berichtet Herr Thomas Friedrich, 53 Jahre alt und ursprünglich aus Euskirchen, der seit 20 Jahren in Marokko lebt und Medizinpflanzen exportiert sowie eine Olivenplantage betreibt, die Auswirkungen auf seinen Betrieb. Herr Friedrich exportiert nach eigener Aussage vor allem nach Deutschland aber auch in andere Länder in Europa und in die USA. Sein Export hat nicht nachgelassen, aber Besuche von Geschäftspartnern wurden auf unbestimmte Zeit verschoben. Angesprochen auf die Bedeutung der Deutschen Botschaft machte er klar, dass die deutsche Botschaft in Rabat in notgeratenen Landsleuten (Deutsche) „noch nie besonders unterstützend“ beigestanden habe. Aus seiner Sicht falle es überhaupt nicht auf, dass die deutsche Botschaft derzeit keine konsularische Unterstützung geben könne. Trotz diplomatischer Krise und Kommunikationsabbruch der marokkanischen Seite zur deutschen Botschaft erkenne er keine Änderung des Verhaltes marokkanischer Behörden gegenüber deutschen Staatsbürgern.

Die Familie Kerz betreibt ebenfalls ein Riad in der roten Königsstadt Marrakech. Der Riad La Maison Nomade richtet sich besonders an deutsche Reisende, was man im Slogan auch betont. Eröffnet 2002 vom heute 79-Jährigen Herbert Kerz aus Aschaffenburg und inzwischen tatkräftig von seinem Sohn Kenzo Kerz unterstützt, kämpft man ebenfalls gegen die Widrigkeiten dieser schwierigen Zeit. Auch die Familie Kerz ist sehr eindeutig in ihrer Haltung und macht klar, dass normale Touristen oder Reisende eine konsularische Betreuung nicht benötigen. Sie beklagen vor allem die schlechte Erreichbarkeit der Botschaft und betonen die guten Erfahrungen mit marokkanischen Behörden, „im Gegenteil, es wurde uns immer unkompliziert weitergeholfen.“

Marrakech
Riad Maison Nomade Familie Kerz

Die wirtschaftliche Lage ist aber auch für die Familie und ihren Betrieb schwierig. Dennoch zeigt man, für das Handeln der marokkanischen Behörden bei der Bekämpfung der Pandemie, Verständnis. „Aus marokkanischer Sicht können wir die Einschränkungen gut verstehen, aber für uns als Riad Besitzer, die ja davon leben und auch die Mitarbeiter bezahlen müssen, ist es jedoch sehr schwierig (vorsichtig ausgedrückt) zu überleben, denn seit März letzten Jahres haben wir fast kein Geschäft.“

Betroffene gründen Interessengemeinschaft.

Die Betroffenen deutschstämmigen Unternehmerinnen und Unternehmer haben sich inzwischen zusammengeschlossen und einen „Arbeitskreis sicheres Reisen in Marokko“ gegründet. Der Arbeitskreis hat im Oktober 2021 seine Arbeit aufgenommen und versucht durch Informationen die Unklarheiten und mögliche Sorgen mit Bezug auf eine Reise nach Marokko zu nehmen. Neben den Riad- und Hotelbesitzern haben sich auch Reisejournalistinnen und -journalisten oder Reisebuchautorinnen und -autoren zusammengeschlossen. Erklärtes Ziel ist Aufklärung. So hat man in einem Dokument die wichtigsten Themen angesprochen und erläutert, von den Einreiseregeln bis hin zur Bedeutung der diplomatischen Situation zwischen beiden Ländern. Auch die hier beispielhaft genannten Unternehmerinne und Unternehmer sind Mitglieder.

Reisen
Arbeitskreis Sicher reisen Marokko Logo

Diplomatische Situation zeigt erste Signale der Entspannung.

Unter der alten Bundesregierung gab es bis zuletzt kaum Signale in Richtung Rabat, dass man die Situation lösen wolle. Zwar sprach man immer wieder von dem Wunsch, zu den bisherigen diplomatischen Beziehungen zurückkehren zu wollen, aber offensichtlich nur zu den von der Regierung Merkel und Außenminister Maas festgelegten Bedingungen und die sahen kein Eingehen auf die Position Marokkos vor, sondern eher ein durch wirtschaftlichen Druck herbeizuführendes Einknicken. Erst die neue Ampelregierung, unter Olaf Scholz und der ersten deutschen Außenministerin Annalena Baerbock, brachte Bewegung in den Streit. Kaum fünf Tage nach Amtsantritt passte das Auswärtige Amt seine Informationen zu Marokko auf der eigenen Website an und kam Marokko, bei dem wichtigsten Streitpunkt, der Westsaharafrage, entgegen, dass man zwar den UNO-Prozess weiterhin unterstütze, aber die bisherigen Bemühungen und insbesondere den marokkanischen Autonomieplan ausdrücklich anerkennen würde. Aber das Auswärtige Amt weist gegenüber deutschen Reisenden auf eine eingeschränkte konsularische Handlungsfähigkeit in Marokko durch die Botschaft in Rabat hin und rät auch weiterhin von Reisen ab (Stand 10. Dezember 2021).

Marokko hat seit dem massiven Anstieg der Coronavirus-Neuinfektion in Deutschland die Direktflüge ausgesetzt. Seit dem 29. November 2021 und mindesten bis zum 31. Dezember 2021 sind die Landesgrenzen für Reisende generell geschlossen. Es ist zu befürchten, dass die Grenzschließungen auch nach dem Jahreswechsel bestand haben werden, da sich die Coronavrius – Omicron Mutation besonders in Europa verbreitet. Für die deutschstämmigen Unternehmerinnen und Unternehmer sowie alle im marokkanischen Tourismus tätigen Menschen bedeutet dies erneut eine schwere Zeit. Das Weihnachtsgeschäft mit Ferienreisenden und Menschen die gerne in Marokko überwintern fällt erneut aus. Da ist es nur ein schwacher Trost, dass die beiden Länder sich diplomatisch wieder annähern könnten.

Marokko – Auswärtiges Amt aktualisiert Basisinformation zu Marokko und spricht Autonomieplan in der Westsahara an.



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