Marco Russ von Eintracht Frankfurt und sein Kampf gegen den Krebs


Vor fünf Jahren wurde bei Marco Russ, damals Bundesligaspieler bei Eintracht Frankfurt, Krebs diagnostiziert. Mittlerweile ist Russ wieder gesund – und spricht im stern-Interview über seine Erkrankung.

Im Mai 2015 bekam Marco Russ die Schockdiagnose: Hodenkrebs. Russ spielte damals in der Fußball-Bundesliga bei Eintracht Frankfurt, stand mitten im Leben. Seine Erkrankung sorgte für große Anteilnahme im Fußball und darüber hinaus. Russ überstand die Erkrankung und konnte sogar wieder in der Bundesliga auflaufen.

Heute ist es ihm ein Anliegen, Menschen – vor allem Männer – dafür zu sensibilisieren, Krebsvorsorge ernstzunehmen. In seiner Autobiografie „Kämpfen. Siegen. Leben – ein Leben für den Fußball und gegen den Krebs“ erzählt Russ offen und ehrlich von seiner Fußballkarriere und der Zeit seiner Erkrankung. Der stern hat mit ihm darüber gesprochen.

Marco Russ: „Krebs kann jeden treffen“

stern: Marco Russ, vor mehr als fünf Jahren wurde bei Ihnen Hodenkrebs festgestellt. Spüren Sie heute noch Nachwirkungen?
Marco Russ:
Eigentlich nicht. Ich hatte über ein paar Wochen oder Monate manchmal ein wiederkehrendes Piepsen im Ohr, das durch die Chemotherapie entstanden ist. Aber eigentlich bin ich wieder so, wie ich vor der Erkrankung war.

Sie haben Glück gehabt: Eigentlich wurde der Tumor bei Ihnen mehr oder weniger zufällig entdeckt, bei einer Dopingkontrolle …
Definitiv. Normalerweise wird man zufällig zu Doping-Kontrollen gelost. Da hat man bei mir gemerkt, dass ein Wert zu hoch war und hat mich dann wieder zur Kontrolle bestimmt, um zu schauen, ob sich der Wert verändert. Irgendwann ist die Nada (Nationale Anti-Dopingagentur, Anm. d. Red.) auf uns zugekommen, weil sie den Verdacht hatte, dass ich dope. Dabei ging es aber um einen Stoff, der auch vom Körper selbst produziert werden kann.

Das hat dann erst zur Untersuchung auf Krebs geführt.
Wir sind mit dem Mannschaftsarzt sofort zum Urologen gefahren, weil klar war: Wenn etwas vorliegen sollte, dann geht das in Richtung Hodenkrebs. Die Untersuchung hat ungefähr eine Minute gedauert. Der Arzt hat den Ultraschallkopf angelegt und sofort gesagt: Ja, Sie haben Krebs.

Marco Russ  "Kämpfen. Siegen. Leben – ein Leben für den Fußball und gegen den Krebs"  240 Seiten  19,95 Euro  ISBN 978-3841907790

Marco Russ
„Kämpfen. Siegen. Leben – ein Leben für den Fußball und gegen den Krebs“
240 Seiten
19,95 Euro
ISBN 978-3841907790

© Edel Books

Können Sie sich noch daran erinnern, was Ihnen in diesem Moment durch den Kopf gegangen ist?
Da war nur Leere im Kopf. Es war wie ein Schlag ins Gesicht. Man geht ja nicht von einer solchen Erkrankung aus bei einem Menschen, der gesund lebt und Hochleistungssport betreibt. Ich habe die Gedanken aber erst mal weggeschoben, weil unser Relegationsspiel gegen Nürnberg unmittelbar bevorstand. Und die Ärzte haben mir gesagt, dass nichts innerhalb der nächsten Stunden gemacht werden muss.

Sie waren damals 30, Leistungssportler – konnten Ihnen die Ärzte auch etwas zu den Hintergründen sagen?
Man denkt immer, Leistungssportler seien bei solchen Erkrankungen außen vor. Aber es kann jeden treffen. Wenn ich einen schlechten Lebensstil gehabt hätte … Aber es gibt eigentlich nichts, was ich getan habe, das dazu hätte führen können, dass ich erkrankt bin.

Haben Sie sich in dieser Zeit mit dem Tod beschäftigt?
Nein, gar nicht. Das haben die Ärzte auch sofort ausgeschlossen, weil die Art von Krebs super zu behandeln ist. Die Chancen sind top, dass man wieder ganz gesund wird. Das Allerwichtigste ist es, immer positiv zu sein. Natürlich gibt es auch Momente, die dich runterziehen, aber wenn du im Kopf positiv und klar bleibst, dann kann das viel bewirken.

Unmittelbar nach Ihrer Diagnose stand das ungeheuer wichtige Spiel in der Relegation gegen den 1. FC Nürnberg an, Ihr Verein Eintracht Frankfurt drohte abzusteigen. Im Hinspiel haben Sie 90 Minuten gespielt. Wie schafft man es, sich in einer solchen Situation mental darauf einzustellen?
Ich war mental schon voll drin in dem Spiel. Es ging um den Verein, um den Abstieg, das hätte nicht nur uns Spieler hart getroffen, sondern auch viele Mitarbeiter. Ich konnte die Diagnose in dem Moment gut beiseiteschieben. Andere Mitspieler oder der Trainer haben sich da vielleicht mehr Gedanken gemacht. Mir war klar, dass ich erkrankt bin und was auf mich zukommt, aber für diesen Moment konnte ich das einfach ausschalten.

Wie sind die Reaktionen von Spielern und Fans anderer Vereine ausgefallen – galt da das Motto „In den Farben getrennt, in der Sache vereint“?
Genau so kann man das sagen. Es gab viele Genesungswünsche aus der ganzen Bundesliga. Klar wird man manchmal in den Stadien ausgepfiffen, das gehört zum Fußball dazu. Aber wenn so etwas passiert, merkt man, dass nicht der Verein, für den du spielst, im Vordergrund steht, sondern der Mensch. Das zeigt, dass trotz großer Rivalität im Sport die Gesundheit noch wichtiger ist.

In Ihrem Buch heißt es, bis dahin sei die größte Herausforderung im Leben für Sie gewesen, gegen die besten Stürmer der Bundesliga zu spielen. Wie hat die Herausforderung Krebs Ihren Blick auf den Fußball verändert?
Der Blick hatte sich schon mit der Geburt meiner Kinder verändert. Davor stand Fußball an Platz eins. In jungen Jahren ordnet man dem Ziel, Profi zu werden, alles unter. Durch die Krankheit habe ich viel mehr gelernt, auf meinen Körper zu hören und zu merken, wenn es ihm nicht gut geht. Dann nehme ich mir einen Tag Pause. Sonst schaut man als Fußballer oft über viele Wehwehchen einfach hinweg und versucht, auf die Zähne zu beißen –gerade als junger Spieler.

Sie wurden dann operiert, mussten eine Chemotherapie machen. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Die OP hat 15 oder 20 Minuten gedauert, zum Glück hatte der Krebs auch nicht gestreut. Bei der Chemotherapie habe ich eine Mischung aus drei verschiedenen Giften über Infusionen bekommen. Die erste Chemo habe ich relativ gut vertragen, die zweite hat mich echt aus den Socken gehauen. Da habe ich gefühlt die ganze Woche, in der die Chemo war, nur dagelegen, habe nicht gegessen, nichts getrunken. Aber danach waren die Werte dann so, dass man sagen konnte: Ich bin geheilt.

Neun Monate nach der Diagnose haben Sie Ihr Comeback im Profifußball gegeben, am 28. Februar 2017 im DFB-Pokal gegen Arminia Bielefeld. Mit welchen Gefühlen erinnern Sie sich an diesen Abend?
Es war natürlich hochemotional, als die Fans gemerkt haben, dass ich eingewechselt werde. Nach so einer langen Leidenszeit war das ein echtes Highlight. Ich sollte eigentlich noch gar nicht im Kader sein, aber dann ist Makoto Hasebe krankgeworden und der Trainer hat noch einen Abwehrspieler gebraucht. Wir haben 1:0 geführt, ich bin in der Nachspielzeit reingekommen – und dann ging es nur noch darum, den Sieg über die Zeit zu retten. Ein paar Kopfbälle, ein paar Zweikämpfe, das konnte ich schon wieder.

Hat dieses Comeback in Ihrer Karriere einen höheren Stellenwert als der DFB-Pokal-Sieg ein Jahr später?
Nein, an den Pokal kommt das leider nicht ran. (lacht.) Dafür spielst du Fußball, um Titel zu gewinnen. Und ich habe bei einem Verein gespielt, bei dem das nicht so üblich war. Deshalb kommt da nichts drüber.

Wie schwer ist es, nach einer solchen Erkrankung wieder auf Bundesliga-Niveau zu kommen? Kann man das mit anderen Verletzungen vergleichen?
Ich habe mir ein paar Jahre später noch die Achillessehne gerissen. Da kannst du kurz nach der Verletzung schon wieder trainieren: nicht das verletzte Bein, aber zum Beispiel den Oberkörper. Während der Chemo und die zwei, drei Monate danach war mein Körper so im Keller, dass gar nichts ging. Keine Kraft, komplett ausgelaugt. Und dann fängst du komplett bei Null an: ein bisschen schneller gehen, dann ganz langsam joggen. Das war auch für den Kopf eine harte Zeit.


Nicole Staudinger spricht über Krebs und Vorsorge

Haben Sie trotzdem immer daran geglaubt, dass Sie es als Spieler zurück in den Profifußball schaffen?
Ich habe nie gesagt, dass ich zu einem bestimmten Zeitpunkt wieder Fußball spielen will, sondern habe mir immer kleine Ziele gesetzt. Die Behandlung war im Sommer, Ende September habe ich angefangen, wieder zu trainieren, und mein großes Etappenziel war es, im Januar mit der Mannschaft ins Trainingslager zu fliegen. Das hat dann auch geklappt. So ging es über kleine Ziele immer weiter Richtung komplettes Mannschaftstraining.

Sie sind vom ersten Moment an sehr offen mit Ihrer Krebserkrankung umgegangen. Warum ist Ihnen das so wichtig?
Weil das für mich kein Tabuthema ist. Für Frauen ist es ganz normal, ab der ersten Periode zum Frauenarzt zu gehen und sich regelmäßig durchchecken zu lassen. Männer machen das gefühlt erst ab 50. Aber die Erkrankten werden immer jünger, ob bei Frauen oder Männern. Das muss uns eine Warnung sein, nicht erst mit 50 die Prostata untersuchen zu lassen, denn es gibt auch Krebsarten, die schon junge Menschen angreifen. Da müssen wir die Männer viel mehr dafür sensibilisieren, zur Vorsorge zu gehen – das tut nicht weh. Je früher, desto besser.

Sie haben mehr als 300 Bundesliga-Spiele gemacht, einmal den DFB-Pokal gewonnen – und trotzdem kennen Sie die meisten nur als den Fußballer mit dem Krebs. Stört Sie das manchmal?
Nein, das gehört genauso zu mir wie das Fußballspielen. Und wenn die Leute es so sehen, ist das ja keine Beleidigung. Da bin ich ganz entspannt und rede auch gerne darüber.

Bis auf anderthalb Jahre beim VfL Wolfsburg haben Sie ihre gesamte Fußball-Karriere bei Eintracht Frankfurt verbracht und arbeiten auch heute noch dort als Spielanalyst. Was macht den Verein für Sie so besonders?
Ich bin schon als kleiner Junge Fan gewesen und war als Balljunge bei Bundesliga-Spielen dabei. Frankfurt ist multikulti, der Verein ist multikulti, die Fans sind multikulti – ich bin Frankfurter durch und durch. Und wenn man dann sein ganzes Leben dort verbringt, wächst einem der Verein einfach ans Herz.

Hätten Sie nicht gern in Ihrer Karriere auch ein paar andere Vereine kennengelernt?
Naja, Barcelona oder Real Madrid hätte ich ganz gerne gemacht ….

Die hätten Sie wohl nicht genommen …
Ja, dafür war ich einfach zu schlecht. (lacht.) Ich habe mich hier wohlgefühlt, ich habe hier meine Freunde. 2011, als ich nach Wolfsburg gewechselt bin, hatte ich das Gefühl, eine neue Herausforderung zu brauchen. Aber auch da habe ich schnell gemerkt, dass es zu Hause doch am besten ist.



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