10. April 1815
Das “Jahr ohne Sommer” – wie ein Vulkanausbruch Deutschland Hunger und Kälte brachte

Jahr ohne Sommer: Blick in den Vulkan Tambora

Der Vulkan Tambora. Sein Ausbruch im April 1815 gilt als eine der Ursachen für das “Jahr ohne Sommer”.

© Iwan Setiyawan/ / Picture Alliance

Das Jahr 1816 ging als das “Jahr ohne Sommer” in die Geschichte ein. Hundert Jahre rätselten die Menschen, warum es plötzlich so kalt war. Die Ursache findet sich an einem Tag im April vor 207 Jahren.

Es ist der 10. April 1815. Tagelang schon spuckt der Vulkan Tambora im heutigen Indonesien Asche und Staub in die Luft. An diesem Mittwoch jedoch sind die Detonationen extrem. Mit einer Stärke 7 auf dem Vulkanexplosivitätsindex bricht der Feuerberg aus und schleudert 130 Megatonnen Asche und Schwefel aus, wie Wissenschaftler heute schätzen. Die Eruption hat die Kraft von mehreren Millionen Wasserstoffbomben und sprengt die Spitze des mächtigen Tambora weg.

Dieser Tag bringt geschätzt 70.000 Menschen auf Sumbawa den Tod, manche Quellen sprechen von 90.000 Todesopfern. Die Menschen sterben durch die direkten Folgen des Vulkanausbruchs oder sie werden von dem Tsunami ins Meer gerissen, der durch das begleitende Seebeben ausgelöst wird. Eine extreme Katastrophe auf der Insel Sumbawa – und sie sollte weitreichende globale Folgen haben.

Ursache für das “Jahr ohne Sommer” wurde erst nach 100 Jahre gefunden

Denn gut 100 Jahre später werden Forschungen zeigen, dass die Explosion des Tambora-Vulkans noch viel mehr Schaden anrichtete – und das auf großen Teilen des Erdballs und sehr weit entfernt von der südostasiatischen Insel. Ein Amerikaner, der Klimaforscher William Jackson Humphreys, fand 1920 Belege dafür, dass die Eruption auf Sumbawa eine der Ursachen für eines der seltsamsten Klimaphänomene der Neuzeit war: das “Jahr ohne Sommer”.

Die Bezeichnung für jene extrem kalte und nasse Phase in Westeuropa und Nordamerika, die im Jahr 1816 ihren traurigen Höhepunkt erreichte, klingt noch harmlos. Zeitgenossen nannten das Jahr 1816 auch “Achtzehnhundertunderfroren” oder – jenseits des Atlantiks “Eighteen Hundred and Froze to Death”. Denn das “Jahr ohne Sommer” hatte fatale Auswirkungen: Es war so kalt und nass, dass Getreide nicht wuchs und die Kartoffeln im Boden verfaulten. Was auf dem Feld gedeihen sollte, wurde im wahrsten Sinne verhagelt oder vom Dauerregen ertränkt. In Europa tobten Hagelstürme bis in den Sommer hinein. In Neuengland schneite es noch im Juni, auf der Schwäbischen Alb im Juli. Bis in den August gab es hierzulande und im Norden Amerikas Fröste.

Doch was hatte der Vulkan damit zu tun und sein Ausbruch vom 10. April 1815? Wissenschaftler schätzen heute, dass die Folgen der Eruption ein Grund für jene massive Klimaveränderung war, die etwa drei Jahre anhalten sollte. Denn die Aschepartikel und die Aerosolwolken stiegen über dem Vulkan Tambora hoch in die Atmosphäre, von wo sie sich über große Teile der Erde verbreiteten – wie ein dünner, dunkler Schleier. Dieser Schleier absorbierte das Sonnenlicht, die Temperaturen kühlten sich ab, im Schnitt um ein bis zwei Grad.

Somit ging das Jahr 1816 als das zweitkälteste Jahr seit gut 400 Jahren in die Geschichte ein, Paris sollte bis 1990 keinen so kalten, nassen und ungemütlichen Sommer erleben.

Ernten fielen aus wegen der Kälte, Menschen bekamen weniger Kinder

“Ungemütlich” war für jene Zeitgenossen jedoch das kleinste Problem. Das “Jahr ohne Sommer” war eine Zeit extremer Not, in dem die Lebensmittel erst knapper und teurer wurden – und dann in einigen Regionen fast komplett fehlten. Besonders schlimm war die Eifel betroffen, wie Chroniken berichten. Dort hungerten die Menschen. Manche waren so schwach, dass sie nicht mehr auf den Feldern arbeiten konnten. Es wurden deutlich weniger Kinder geboren als in normalen Jahren.

Aus England sind Straßenschlachten überliefert, die sich hungrige Demonstranten mit der Polizei lieferten. Auch in der Schweiz litten die Menschen Hunger, genauso wie im Südwesten Deutschlands und in anderen Teilen Westeuropas. Die Preise für Nahrungsmittel stiegen – in der Folge hatten die Menschen kaum noch Geld für andere Dinge. Handwerker und Händler blieben auf ihren Erzeugnissen sitzen.

Doch Not macht bekanntlich auch erfinderisch. Und so ging diese Zeit auch als eine des Umbruchs in die Geschichte ein und als eine Ära, die kulturell noch heute eine Rolle spielt. Die wilden Farben der Gemälde des englischen Künstlers William Turners sollen eine Folge dieses Naturphänomens sein: Die Staubteilchen in der Luft überzogen die Landschaften nicht nur mit einem Schleier, sondern kreierten auch fantastische Farbspiele am Himmel – ähnlich, wie man es heute aus Regionen kennt, in denen Smog herrscht. Turner war davon wohl so fasziniert, dass er diese spektakulären Farben in etlichen seiner Meisterwerke verewigte.

Im “Jahr ohne Sommer” wurde auch “Frankenstein” erdacht

Die kalte Düsternis soll die Inspiration zu Mary Shellys Figur “Frankenstein” gewesen sein, und ein gewisser Karl Drais aus dem besonders schwer betroffenen Baden erfand ein Laufrad, die “Draisine” oder auch den “Wagen ohne Pferde”– einfach, weil es nicht mehr genug Pferde und auch nicht mehr genug Pferdefutter gab. Der Vorläufer des Fahrrades war geboren. Auch veranlasste der Hunger in Europa viele Menschen dazu, nach Amerika auszuwandern – wo in Teilen allerdings eine ähnliche Not herrschte.

Inzwischen gilt es als sicher, dass der Vulkanausbruch des Tambora auf Sumbawa vom 10. April 1815 zwar eine der wesentlichen Ursachen für das “Jahr ohne Sommer” war, jedoch nicht die einzige. Vermutlich gab es in jeder Zeit weitere Vulkanausbrüche in Südamerika, ist in Berichten zu dem Phänomen zu lesen. Außerdem soll jene Ära durch eine Zeit verminderter Sonnenaktivität geprägt gewesen sein. Man spricht heute deshalb auch von der “kleinen Eiszeit”.

Quellen: “Geo+“, sternBR.de, “PM-Wissen.com



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Sehen Sie im Video: Seit Mitte Februar ist der Vulkan Ätna auf Sizilien wieder aktiv. Aus dem südöstlichen Krater stiegen zuletzt dichte Aschewolken auf – bis zu zehn Kilometer hoch.



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