Weil ihr Freund im gemeinsamen Haushalt nicht besonders achtsam ist, wird Henriette oft wütend. Sehr wütend. Wie kann sie den Konflikt lösen, ohne regelmässig 

Liebe Frau Peirano,

ich mache mir Sorgen, weil ich immer öfter aus der Haut fahre und meinen Freund anschreie. Mich macht einfach so viel wütend, und das meiste sind kleine Dinge im Haushalt: Klopapier nicht nachgefüllt, dreckige Wäsche einfach auf den Boden geworfen. Wenn er einkaufen geht, kauft er manchmal Fleisch aus Massentierhaltung und ich frage mich dann, ob er mir wirklich nicht zuhört. Er weiß genau, dass mir das Tierwohl sehr am Herzen liegt.

Ich kenne es leider von meiner Mutter, bei Streits zu schreien und auch gemein zu werden. Nachher tut es mir oft leid und ich fand es als Kind auch ganz schlimm, wie meine Mutter meinen Vater angebrüllt hat und oft auch mich.

Aber ich habe einfach nicht gelernt, zu streiten. Mein Freund hört mir schon nicht mehr zu, sondern verlässt manchmal auch den Raum, wenn ich wütend werde. Das macht es auch nicht besser.

Ich weiß einfach nicht weiter und hätte gerne mal Ihre Einschätzung.

Viele Grüße

Henriette B.

Liebe Henriette B.,

ich kann sehr gut verstehen, dass Sie sich über das Verhalten Ihres Partners im Haushalt ärgern. Es hört sich so an, als wenn er zum Teil unachtsam ist und zum Teil auch einfach respektlos Ihnen und Ihren Wünschen und Vorlieben gegenüber.

Vielleicht hilft es Ihnen, das Thema einmal aus einem weit gefassteren Blickwinkel zu betrachten und nicht nur auf die Probleme in Ihrer Partnerschaft zu schauen, sondern auf die Situation vieler Frauen.

Ich kann Ihnen das Buch: „Die Erschöpfung der Frauen. Wider die weibliche Verfügbarkeit“ von der Geschlechterforscherin Franziska Schutzbach sehr empfehlen, denn sie legt in Ihren Essays den Finger in die Wunde des Systems.

Sie schreibt unter anderem über die unterschiedlichen Belastungen, die Frauen und Männer durch Haushalt und Care-Tätigkeiten haben. Frauen übernehmen drei Viertel der Care-Tätigkeiten (und erhalten zudem sehr wenig Anerkennung dafür).

Das wäre ein erster Schritt, um zu erkennen, dass Sie nicht alleine da stehen (im Gegenteil!) und dass Ihre Wut angebracht ist.

Die große Frage ist nun, wie Sie sich besser durchsetzen, ohne zu schreien. Denn in einem Punkt sind sich Paarforscher ganz einig: Die Beziehungsqualität von Paaren, die beim Streit sehr wütend und laut werden und auch Dinge sagen oder machen, die sie später bereuen, leidet durch dieses Verhalten immens. Viele Menschen haben unbewusst das Bild, das sachliches, vernünftiges Reden wenig mit Liebe zu tun hat und dass man ruhig auch laut und impulsiv werden darf, wenn man verletzt ist.

Diese Vorstellung ist eindeutig falsch. Laute Worte, Drohungen, Erpressung, Beleidigungen und Anschuldigungen im Streit zerstören das Vertrauen in einen Menschen. Und Vertrauen ist nun einmal der wichtigste partnerschaftliche Nährboden.

Ich habe ja öfter durchklingen lassen, dass ich ein absoluter Katzenfan bin und einige ihrer Verhaltensweisen als Vorbild sehe. Katzen lassen sich nicht anschreien, schlagen oder demütigen. Wenn man das mit ihnen macht, ist das Vertrauen zerstört und sie suchen sich wahrscheinlich ein anderes Zuhause. Ein deutliches Nein akzeptieren Katzen noch, aber ansonsten kann man sie nur mit Respekt und auf Augenhöhe behandeln.

Ich würde ihnen also empfehlen, Ihr Bild von einer Auseinandersetzung zu verändern und nur noch mit Ihrem Partner Konflikte auszutragen, wenn Sie einigermaßen ruhig sind.

Stellen Sie sich eine „Hau den Lukas“- Skala in Ihnen vor, die von 1-10 reicht. 1 ist sehr ruhig, 10 ist rasend vor Wut. Üben Sie, in alltäglichen Situation immer wieder zu spüren, wie hoch der Wutpegel ist, und ab Stufe 6-7 wäre es wirklich vorteilhaft, wenn Sie sich zurückziehen und sich abreagieren. Sie können Sport treiben und Dampf ablassen, einen wütenden Brief schreiben (den Sie nicht abschicken!) oder ein paar Runden um den Block laufen.

Erst wenn Sie wieder ruhiger sind (maximal 5), sollten Sie das Gespräch mit Ihrem Partner suchen.

Besprechen Sie dieses Vorgehen auch mir Ihrem Partner, damit Klarheit herrscht. Und verabreden Sie sich zum Konfliktgespräch. Es ist gut, wenn Sie erst einmal in Ruhe Wut ablassen und dann darüber nachdenken, was Sie eigentlich vorbringen möchten. Denn Sie verlieren leider viel Energie durch Wutanfälle und Sie verspielen auch den Respekt Ihres Partners, wenn Sie wütend werden und Dinge sagen, die Sie nicht durchziehen. Bleiben Sie möglichst sachlich und konsequent.

Ich kann mir allerdings vorstellen, dass Ihr Partner Sie auch auf die Palme bringt, indem er Sachen nicht macht oder sie nicht gut genug gemessen an Ihren Ansprüchen macht. Auf der Beziehungsebene richtet das großen Schaden an, weil mitklingt: „Es ist mir nicht wichtig, was du willst“ und „Ich gebe mir keine Mühe“ sowie „Du kannst dich nicht auf mich verlassen“.

Sie könnten das Ihrem Partner einmal spiegeln, damit die Konflikte auf einer anderen Ebene ausgetragen werden als auf der Ebene der dreckigen Socken und leeren Toilettenpapierrollen.

Wahrscheinlich ist ein Teil Ihrer Wut auch Ihr Erleben von Ohnmacht und Hilflosigkeit. Wenn Ihr Freund sich nicht von selbst um faires Verhalten bemüht, würde ich Ihnen empfehlen, strategisch und konsequent für sich einzutreten. Handeln statt Reden ist die Devise.

Diese Technik habe ich gelernt, als meine Kinder in der Pubertät waren und Bohnen in den Ohren hatten. Ich fand es sehr hilfreich und habe mich deutlich besser gefühlt, wenn ich einfach konsequent gehandelt habe.

Dreckige Pfannen auf dem Herd gelassen? Die könnte man dem Sohn ins Zimmer stellen.

Zu spät zum Essen gekommen? Schade, dann ist alles aufgegessen oder eingefroren und leider nur Fenchel im Kühlschrank.

Auf das Beispiel leere Toilettenpapier bezogen, könnten Sie es ja auch unterlassen, für beide Toilettenpapier zu kaufen und die Rollen nachzufüllen. Horten Sie doch heimlich Ihr eigenes Papier und lassen Sie ihm die leere Rolle. Es ist durchaus denkbar, dass er das dann doch nicht so gut findet…

Er beteiligt sich nicht am Einkauf. Dann ist es doch Zeit, mal ganz viele Sachen einzukaufen, die nur Ihnen schmecken und ganz unschuldig zu sagen, dass Sie einfach mal wieder Lust darauf hatten und gar nicht daran gedacht haben, dass er das nicht mag.

Denken Sie sich doch einige Maßnahmen aus, die Sie einfach durchziehen, ohne darüber viele Worte zu verlieren. Er stellt sich doof, damit er einen Vorteil hat und sich vor der Arbeit drücken kann. Dann stellen Sie sich doch auch mal doof, um eine Diskussion zu vermeiden und ihm die Konsequenzen seines Handelns vor Augen zu halten.

Ich hoffe, dass Sie sich auf eine ruhige und konsequente Art hörbar machen können.

Herzliche Grüße

Julia Peirano



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