Menschen haben in der Regel das Bedürfnis, für ihre alternden Eltern da zu sein – auch Stella. Doch das bringt sie immer mehr an ihre Grenzen. Wie kann sie ihnen gerecht werden, ohne sich selbst zu überfordern?

Liebe Frau Peirano,

ich, Lehrerin, 45, habe zwei Kinder (10 und 7 Jahre) und bin verheiratet. Das Problem sind meine Eltern, die schon recht alt und mittlerweile pflegebedürftig sind. Mein Vater (81) hatte einen 2018 Schlaganfall, ist schwer gehbehindert. Meine Mutter war immer schon wenig belastbar. Sie hat Rückenprobleme, starke Schmerzen und ist schwerhörig.

Wir leben in Berlin, meine Eltern in der Nähe von Dresden. Ich habe einen Bruder, der in den USA lebt und sich aus allem heraushält.

Meine Eltern waren vor fünf Jahren noch gut in der Lage, ihr eigenes Leben zu meistern. Seitdem bauen sie kontinuierlich ab, die Pandemie hat sicher einiges dazu beigetragen. Meine Eltern melden sich alle zwei bis drei Tage bei mir, wenn ich nicht sofort zurückrufe, und haben einen vorwurfsvollen Unterton.

Ich fahre jedes zweite oder dritte Wochenende zu meinen Eltern, erledige die Einkäufe, gehe mit meinem Vater spazieren, was physisch sehr anstrengend für mich ist. Außerdem ist er sehr langsam und ich bin eher schnell, was mich auch an die Grenzen meiner Geduld bringt, wenn ich ehrlich bin.

Meine Eltern verweigern es, sich professionelle Hilfe zu holen. Sie wollen keine fremden Leute im Haus. Und sie wollen nicht ausziehen, sondern in ihrem Haus bleiben. Es ist ein recht großes, renovierungsbedürftiges Haus mit großem Garten. Meine Mutter versucht mehr schlecht als recht, den Garten und das Haus selbst in Ordnung zu halten. Doch wenn Extraarbeiten anfallen, verbringen mein Mann und ich doch mal das ganze Wochenende damit, auszuhelfen.

Ich merke, dass mich die Situation überfordert. Ich bin selbst angespannt, habe oft Rückenschmerzen und kann nachts nicht schlafen. Mein Mann und ich kriegen uns häufig in die Haare, und die Kinder jammern auch, wenn wir wieder ein ganzes Wochenende bei den Großeltern sind und sie mitnehmen.

Aber ich habe starke Schuldgefühle, wenn ich mir vorstelle, meinen Eltern Hilfe zu verweigern. Ich weiß nicht, wie das in meiner Familie (bei Großtanten, Tanten etc.) ankommt, wenn ich meinen Eltern nicht mehr so viel helfe. Dieser Konflikt zerreißt mich.

Haben Sie eine Rat für mich?

Viele Grüße

Stella G.

Liebe Stella G.,

es hört sich so an, als wenn Sie sich sehr viel zumuten. Was haben Sie denn in Ihrer Kindheit von Ihren Eltern über Belastungsgrenzen gelernt? Haben Ihre Eltern möglicherweise eine Vergangenheit (durch Krieg, Vertreibung, Nachkriegszeit), in der sie quasi für ihr Überleben extreme Anstrengungen bringen mussten? Das höre ich häufig von Menschen aus der Generation Ihrer Eltern, dass sie und ihre Eltern z.B. alles im Krieg verloren hatten und sich von Null auf eine Existenz aufbauen mussten. Oft diente die harte Arbeit und das Durchhalten auch dazu, um Ängste in Schach zu halten. Das alles hatte damals seinen Sinn und ist auch zu würdigen. Aber heute sieht es anders aus.

Eltern mit solchen Mustern haben oft auch ihre eigenen Kinder zum Leistungsprinzip erzogen und ihnen das Fühlprinzip abgewöhnt. Zum Beispiel: Ein Kind kommt erschöpft nach der Schule nach Hause und hat das Bedürfnis, sich auszuruhen. Die Eltern fragen es, warum es faul herumliegen möchte und treiben es zu Hausaufgaben an. Schmerzen werden ignoriert oder verleugnet.

Schauen Sie sich Ihre eigenen erlernten Muster doch einmal genauer an.

Meine zweite Frage ist, welche Erwartungen und Ansprüche Sie von Ihren Eltern wahrnehmen, die die Versorgung und Pflege der Eltern betreffen. Was meinen Sie, was Ihr Vater/Ihre Mutter konkret sagen würde, wenn sie ganz ehrlich und offen darüber sprechen würden, wie sie von Ihnen gepflegt werden wollen? Und wie verträgt sich das mit Ihrem Fühlprinzip?

Wenn Sie die Erwartungen Ihrer Eltern herausgearbeitet haben, fragen Sie sich doch einmal, ob Sie die gleiche Pflege und Aufopferung von Ihren eigenen Kinder erwarten, wenn Sie und Ihr Mann einmal alt und pflegebedürftig sind.

Ich erlebe es häufig, dass Menschen sagen: „Aber es sind doch meine Eltern, ich muss mich doch kümmern“ und im gleichen Atemzug von sich geben: “ ich würde NIEMALS von meinen Kindern erwarten, dass sie sich um mich so kümmern, weil ich sie nicht belasten will.“

Da haben wir eine kognitive Dissonanz – also zwei widersprüchliche Glaubenssätze in Ihrem Kopf. Schreiben Sie doch mal für sich einen Aufsatz, was SIE für richtig halten bezüglich der Pflege der Eltern.

Vielleicht hilft an dieser Stelle das Buch: „Warum wir unseren Eltern nichts schulden“ von Barbara Bleisch.

Der nächste Punkt ist das, was wir Therapeut*innen „Auftragsklärung“ nennen. Das bedeutet, herauszufinden, was das Gegenüber von einem will. Manche Patient*innen würden insgeheim die Frage mit: „Jammern, Tee trinken und erzählen, warum die Welt so schlecht zu einem ist“ beantworten. Deshalb frage ich konkret nach den Zielen und konkret nach der Art von Hilfe, die sie von mir brauchen. Und wenn das passt, beginnt die Therapie. Wer Tee trinken und Jammern möchte, kann es gerne woanders probieren.

Auch bei meinen Kindern habe ich öfters über die Auftragsklärung nachgedacht. Manchmal wollte ein Kind, dass ich ein ständig verfügbares Taxi bin, dass ich zu jeder Tages- und Nachtzeit ohne Murren proteinreiches, leckeres Essen vorhalte, dass ich akzeptiere, dass sie mal wie kleine Kinder sind und sich jeder Verantwortung entziehen und im nächsten Momenten Muttizettel für unlimitierte Nachtclubbesuche ausstelle.

Die Rolle hat mir nicht gepasst, und ich habe mein Angebot aufgelistet: Zum Beispiel zu sozialem Verhalten und Mitarbeit im Haushalt anleiten, zu verbindlichen Absprachen bezüglich gemeinsamem Essen, und zu Respekt anderen gegenüber.

Sie können sich sicher vorstellen, dass ich mich damit nicht immer beliebt gemacht habe, aber ich bin meinen Werten und meinen Grenzen treu geblieben.

Überlegen Sie sich doch einmal, welche Aufgaben Sie in Ihrem Portfolio als Tochter haben (z.B. zweimal die Woche anrufen, organisatorische Aufgaben übernehmen) und welche nicht.

Ihre Eltern verlangen Ihnen sehr viel ab, indem sie darauf bestehen, in ihrem eigenen Haus zu bleiben und keine fremde Hilfe anzunehmen. Wenn man aber abhängig von anderen Menschen ist – und das sind Ihre Eltern von Ihnen – muss man sich den Spielregeln unterwerfen, die die Menschen stellen, von denen man abhängig ist. Möchte ich Hartz IV haben, muss ich zum Amt und ggf. Bewerbungsgespräche vorweisen, möchte ich mein Studium von meinen Eltern finanziert bekommen, muss ich Scheine machen usw.

Es wird sicher ein harter Einschnitt für Ihre Eltern, aber Sie können auch gewisse praktische Dienste delegieren, z.B. an eine Putzhilfe, eine Hilfskraft für den Garten, einen Supermarkt mit Lieferservice etc. Und vor allem ein Pflegedienst, der täglich kommt!

Überlegen Sie sich, welche Arbeiten für eine Tochter angemessen sind (aus meiner Sicht persönliche Gespräche und organisatorische Hilfe), und welche Sie mit Ihrer Situation als berufstätige Mutter von recht kleinen Kindern nicht übernehmen können oder wollen. Auch das muss erlaubt sein, dass Sie sagen: Das WILL ich nicht machen.

Was ist eigentlich mit Ihrem Bruder, dass er sich aus der Verantwortung heraushält? Gibt es einen triftigen Grund dafür oder kann er finanziell oder organisatorisch mit eingebunden werden? Auch in den USA gibt es meines Wissens ein Telefonnetz, so dass er auch die Eltern regelmäßig anrufen kann.

Und je mehr Sie leisten, desto weniger kommen Ihre Eltern und Ihr Bruder auf die Idee, dass man etwas ändern muss. Es geht nur, wenn Sie Ihre Grenzen deutlich machen. Sie können sich überlegen, wie viel Zeit Sie investieren, wenn es Ihnen gut gehen soll. Ihre Eltern könnten ja auch in Ihre Nähe ziehen oder in ein Pflegeheim gehen. Es ist deren Entscheidung, das nicht zu machen.

Bestimmt würde Ihnen Unterstützung in Form eines Coachings oder einer Therapie gut tun, um Ihre Grenzen auszutarieren. Aber bitte bedenken Sie, dass ein Burnout oder möglicherweise auch schwere Ehekonflikte drohen, wenn Sie sich langfristig überfordern. Und die Situation hat ja kein absehbares Ende.

Herzliche Grüße

Julia Peirano



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