„Ferdinand von Schirach – Glauben“: Gigantischer Missbrauchsskandal oder Justizirrtum?

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„Ferdinand von Schirach – Glauben“
Gigantischer Missbrauchsskandal oder Justizirrtum? Ein Anwalt stellt sich dem Volkszorn

"Ferdinand von Schirach - Glauben"

In „Ferdinand von Schirach – Glauben“ wird der Anwalt Dr. Schlesinger (Peter Kurth) von der Geldeintreiberin Azra (Narges Rashidi) beauftragt, einen mutmaßlichen Kinderschänder vor Gericht zu verteidigen.

© MOOVIE / Stephan Rabold / MG RTL D

Die Vorwürfe sind ungeheuerlich: 26 Bürger sollen in Ferdinand von Schirachs Serie „Glauben“ einen Kinderschänderring betrieben haben. Der Anwalt Schlesinger soll einen der Angeklagten verteidigen. Keine leichte Aufgabe – die Öffentlichkeit hat ihr Urteil längst gefällt.

Zu Beginn dieser Serie steht eine fatale Diagnose: Ein Mediziner stellt „zweifelsfrei“ fest, dass ein junges Mädchen vergewaltig worden sei. Ein überambitionierter Staatsanwalt und eine besorgte Kinderschützerin sorgen dafür, dass sich die Angelegenheit zu einem kaum vorstellbaren Missbrauchsskandal ausweitet: 26 Menschen sind in der Kleinstadt Ottern verhaftet worden – sie werden beschuldigt, einen Kinderpornografie-Ring betrieben zu haben.

Die nun folgenden Prozesse stehen im Mittelpunkt der siebenteiligen Serie „Ferdinand von Schirach – Glauben“ (ab 4. November auf RTLplus). Bis es jedoch dazu kommt, dauert es eine ganze Weile: Erst die beiden letzten Folgen spielen im Gerichtssaal in Ottern. Und das ist gut so.

„Glauben“ nimmt sich viel Zeit für die Figuren

Die Serie nimmt sich zunächst viel Zeit, um die Hauptperson von „Glauben“ einzuführen. Den vom Leben gezeichneten Anwalt Dr. Schlesinger (Peter Kurth). Seit seine Frau vor fünf Jahren verstarb, trinkt er und ist zudem dem Glücksspiel anheim gefallen. In der ersten Folge erwartet ihn eine Geldeintreiberin der chinesischen Wettmafia, der Schlesinger 17.800 Euro schuldet und die den säumigen Spieler ordentlich vermöbelt.

Mandate bekommt er nur noch als Pflichtverteidiger. Wir sehen, wie er eine Frau verteidigt. Im Gerichtssaal wirkt er abwesend, apathisch. Er scheint sein Leben zu wenig im Griff zu haben, um einen Prozess erfolgreich zu bestehen. Doch zwischendrin blitzt die alte Genialität auf, die Schlesinger einst zu einem angesehenen Strafverteidiger gemacht hatte. Er findet die Schwachstelle in der Anklage und haut seine Mandantin raus.

Als eine Art Philip Marlowe des Gerichtssaals wird Schlesinger hier vorgestellt. Vom Leben schwer gezeichnet, aber nicht gebrochen. Ein Mann, dem nichts Menschliches fremd ist, der sich aber seinen inneren Kompass bewahrt hat. Das wird für die Geschichte wichtig werden: Denn dieser Schlesinger verteidigt seine Prinzipien gegen die Übermacht der öffentlichen Meinung.

Eine Stadt im Zeichen des Missbrauchsskandals

Erst gegen Ende der zweiten Folge setzt nun der eigentliche Fall ein. Azra (Narges Rashidi), die bereits eingeführte Geldeintreiberin, bittet Schlesinger, einen der 26 Angeklagten im Missbrauchsprozess zu verteidigen. Der nimmt widerwillig an, und so gelangt er in die beschauliche (fiktive) Kleinstadt Ottern.

Die steht ganz im Zeichen des mutmaßlichen Missbrauchsskandals: Die Stimmung ist – befeuert von dem ehrgeizigen Staatsanwalt Cordelis (Sebastian Urzendowsky) – aufgeheizt, fast pogromartig. Gleichzeit ist nationale wie internationale Presse im Land, um diesem Sensationsprozess beizuwohnen. In all dem Wahnsinn muss sich Schlesinger nun in den Fall einarbeiten und eine Verteidigungsstrategie entwickeln.

„Glauben“ ist nun aber gerade kein Gerichtsdrama, wie man es aus vielen US-Serien kennt. Schirach will mehr: Es geht ihm darum, die Eigenständigkeit der Justiz gegen die Anmaßungen einer falsch verstandenen Demokratisierung zu verteidigen. Was im Einzelfall Recht und Unrecht ist – darüber soll nicht die Mehrheit entscheiden dürfen. Sondern Gerichte, die nach über Jahrhunderte bewährten Prinzipien und Verfahrensweisen zu einer Urteilsfindung gelangen.

Der Siebenteiler wendet sich gegen eine Justiz, die emotional empört und blindwütig handelt. Wut und Verfolgungseifer sind hier fehl am Platz, stattdessen bricht Schirach eine Lanze für den Zweifel, für die Unschuldsvermutung. Eine falsche Vorverurteilung, das ist seine Pointe, begünstigt letztlich die echten Täter – wie das beeindruckende Ende erschreckend zeigt.

Ferdinand von Schirach als Drehbuchautor

Für „Glauben“ hat der Jurist und Schriftsteller Ferdinand von Schirach erstmals ein Drehbuch verfasst. Die Geschichte beruht auf einem wahren Fall: den Wormser Missbrauchsprozessen aus den Jahren 1993 bis 1997. Einer der größten Justizskandale der Bundesrepublik. Damals waren 25 Männer und Frauen des massenhaften Kindesmissbrauchs angeklagt. Sie wurden beschuldigt, einen gemeinschaftlichen Pornoring betrieben zu haben. Ein ungeheuerlicher Vorwurf, der nach zwei Jahren und sieben Monaten Untersuchungshaft sowie über 300 Verhandlungstagen mit Freisprüchen endete.

In der Urteilsbegründung verkündete der Richter unter anderem: „Den Wormser Massenmissbrauch hat es nie gegeben. Bei allen Angeklagten, für die ein langer Leidensweg zu Ende gegangen ist, haben wir uns zu entschuldigen.“

Schirach hat diesen Fall nun in die Gegenwart transportiert und sich ausgemalt, wie ein derartiger Justizirrtum unter den Bedingungen einer von Twitter und Facebook gespeisten Empörungsgesellschaft ablaufen würde. Dazu hat er einen 26. Angeklagten erfunden, den Anwalt Schlesinger verteidigt.

Fast altmodisch wirkt Schirach mit seinem Beharren auf den Zweifel und der geduldigen Wahrheitsfindung gegenüber dem vorschnell gefällten Urteil. Wie aktuell sein Anliegen ist, zeigte sich zuletzt im Fall Gil Ofarim, als zunächst ein Empörungssturm losbrach – mittlerweile jedoch völlig unklar ist, was sich in dem Hotel in Leipzig tatsächlich abgespielt hat.

Es ist nicht zuletzt diese Aktualität, die „Glauben“ so wichtig und so sehenswert macht.

Alle sieben Folgen von „Ferdinand von Schirach – Glauben“ stehen ab dem 4. November auf RTLplus zum Abruf bereit.



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