Krieg in der Ukraine
Donbass Offensive – was Putin aus seinen Fehlern gelernt hat

Warten auf den Feind. Ein ukrainischer Soldat tarnt einen Panzer notdürftig mit Zweigen.

Warten auf den Feind. Ein ukrainischer Soldat tarnt einen Panzer notdürftig mit Zweigen.

© Diego Herrera/XinHua / dpa

General Alexander Dwornikow hat die erwartete Donbass-Operation gestartet. Sie begann langsam und unspektakulär und wird doch den Krieg in der Ukraine entscheiden.

Die lange angekündigte Donbass-Offensive hat begonnen und es passiert fast nichts. Die russische Armee feuert aus allen Rohren und hat regionale Vorstöße begonnen, die die ukrainischen Truppen in den meisten Fällen abweisen konnten. Was hat das zu bedeuten? Wenig. Der erste Angriff im Februar war überambitioniert, beruhte auf falschen Annahmen über den Kampfwillen der Ukrainer und der Kampffähigkeit der russischen Armee. Diesen Fehler macht der neue Oberkommandierende General Alexander Dwornikow nicht.

Er bringt seine Erfahrungen aus Syrien mit. Auch dort musste Moskau erleben, dass man nicht in der Lage war, mehrere Feldzüge gleichzeitig zu führen. Dwornikow zog daraus die Konsequenz, nur ein Ziel auf einmal zu verfolgen.

Das Ziel der neuen Offensive in der Ukraine ist sehr viel begrenzter als im Februar: Der Donbass soll erobert werden, von der ganzen Ukraine ist derzeit nicht die Rede. Russland wird also weit mehr Truppen auf den Kilometer Frontlinie einsetzen können als bisher. Die geringeren Distanzen und das sichere Hinterland der Separatisten-Gebiete sollen die Nachschubprobleme lösen. Durch das dichte Bahnnetz kann die Versorgung vom Lkw auf die Bahn verlagert werden.

Langsam und brutal

Die ganzen Kämpfe unterscheiden sich signifikant vom Februar. Damals haben die ukrainischen Streitkräfte in der Fläche kaum Widerstand geleistet, sie haben feste Punkte um Städte herum verteidigt, so den russischen Nachschub behindert und aus diesen Regionen einen Krieg der Jagdkommandos begonnen. Kommandos, die die Russen im Hinterland und auf den Nachschubrouten angegriffen haben.

Diese Strategie kann die Ukraine im Donbass nicht verfolgen. Schon wegen der geringen Distanzen kann Kiew keinen Raum aufgeben. Die Russen hingegen werden – selbst, wenn sie es könnten – nicht “kühn” vorstoßen, sondern sich von Siedlung zu Siedlung vorarbeiten und die eroberten Gebiete durchkämmen und sichern, um keine Kiewer Kommandos im Hinterland zu lassen.

Militärisch geht es nicht um Gebiete, auch wenn die Operation auf die Städte Sewerodonezk, Slowiansk und Kramatorsk zielt. Moskau hat den Donbass als Schauplatz ausgesucht, um dort einen Abnutzungskrieg zu führen. Primäres Ziel ist nicht die “Befreiung”, sondern die Zerstörung der ukrainischen Streitkräfte in der Region.



Krieg in der Ukraine: Donbass Offensive – was Putin  aus seinen Fehlern gelernt hat

Derzeit werden die ukrainischen Truppen entlang der ganzen Frontlinie im Donbass angegriffen. Ziel ist meist kein Durchbruch durch das ukrainische Stellungssystem. Der Beschuss soll die ukrainischen Truppen in ihren Stellungen binden, sie abnutzen und dazu verführen, Raketen und die Artilleriemunition zu verschießen. Die angestrebten Durchbrüche im Norden nach Slowiansk und im Süden nach Awdijiwka sollen vorrangig die an der Front stationierten Truppen Kiews abschneiden. Anstatt eines tiefen Schnitts soll eine Orange geschält werden. Der Weg dorthin wird – auch wenn den Russen ihre Offensive gelingen soll – sehr langsam sein. Vermutlich wird Moskau versuchen, mehrere Mini-Kessel zu bilden, um die etwa 40.000 Mann starke Donbass-Armee der Ukraine abzuschneiden und zu vernichten.

Die geringen Distanzen, das langsame Fortschreiten und die Begrenzung auf wenige Durchbrüche nehmen Rücksicht auf die bekannten Mängel der russischen Armee. Zu einer tiefen Operation war die Armee nicht fähig, nun tappst der russische Bär von einer Siedlung zur nächsten.

Diese Phase des Kampfes wird den Krieg weit über den Donbass hinaus entscheiden. Gelingt es den ukrainischen Kräften, einen Durchbruch der Russen zu verhindern und ihre Positionen zu halten, wäre das ein großer Sieg. Wenn eine Einkesselung verhindert wird, hat Moskau auf dem Boden keine Optionen mehr. Sollte die russische Armee selbst eine so begrenzte Operation nicht zum Erfolg führen können, wird Moskau keine Bodenoffensive mehr starten können. In einer nächsten Phase würden die ukrainischen Kräfte offensiv werden und die demoralisierten russischen Truppen zurückdrängen. Dann käme die Befreiung der Separatistengebiete und sogar der Krim in greifbare Nähe.

Letzte Chance für Putin

Gelingt Moskau die Donbass-Operation, sähe es dagegen für Kiew düster aus. Bei einer Kesselschlacht würden die ukrainischen Verluste die Ausfälle der Russen bei Weitem übersteigen. Um das an einem Beispiel zu erläutern: Mariupol wurde in etwa von drei Brigaden verteidigt. Sie haben sich in der Stadt einschließen lassen und so russische Truppen gebunden und abgenutzt, die sonst ins Land vorgestoßen wären. Der Preis für diesen Zeitgewinn ist aber der Verlust aller in der Stadt eingesetzten Soldaten mitsamt dem Material. Twitter wird mit Bildern von abgeschossenen russischen Panzern und Lkws geflutet, darüber sollte man aber nicht vergessen, wie viel Material und Soldaten Kiew verliert.

Im größeren Maßstab der Donbass-Offensive bedeutet das, dass Kiew den Verlust der 40.000 Mann kaum verkraften könnte. Wie in Mariupol handelt es sich nicht um Freiwillige und Rekruten, sondern um ausgebildete Soldaten in eingespielten Einheiten. Auch wenn der Westen noch mehr Kriegsgerät in die Ukraine schafft, wird er doch keine Truppen schicken, die diese Männer ersetzen könnten. General Alexander Dwornikow wird – wenn der Kreml ihn lässt – versuchen, die Schlacht langsam mit möglichst geringen eigenen Verlusten zu führen. Dazu benötigt er unbegrenzten Nachschub an Munition, Bomben und Raketen – aber nur wenige Vorstöße von geringer Tiefe.

Sollte ihm das gelingen, dürfte sich die Moral der russischen Soldaten deutlich verbessern. Die Donbass-Offensive ist nicht das neue kleine Kriegsziel von Moskau. Sie wäre – sollte sie glücken – ein wichtiger Etappensieg, der das Fundament für weitere Operationen bilden soll. Mit ihr wäre der Krieg nicht vorbei. Nach dem Abschluss würde sich Alexander Dwornikow das nächste begrenzte Ziel vornehmen – etwa Odessa. Der Krieg würde monate-, wenn nicht jahrelang fortgeführt dauern. Glanzlos, dafür aber systematisch mit brutaler Zerstörung.



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