“Birds Aren’t Real”
Vögel? Gibt’s nicht: Wie eine ironische Theorie echte Verschwörer bloßstellt

Vögel sitzen auf einer Stromleitung.

Existieren Vögel wie diese Türkentauben tatsächlich? Eine US-amerikanische Internet-Bewegung stellt das humoristisch in Frage (Symbolbild)

© Hopfi/ / Picture Alliance

In den USA gewinnt eine kuriose Verschwörungstheorie immer mehr Gehör. Die Anhänger klagen über eine massive Spionage der Geheimdienste durch Drohnen in Form von Vögeln. Wer steckt hinter Birds Aren’t Real?

Die Corona-Pandemie hat ein Licht auf viele dunkle Ecken unserer Gesellschaft geworfen. In Zeiten von Impfgegner:innen und Telegram-Gruppen steht fest, dass ein großer Teil der Bevölkerung anfällig für Verschwörungstheorien ist. Viele dieser Mythen und Erzählungen basieren auf dem selben Muster: Eine kleine elitäre Gruppe beherrscht die einfache Bevölkerung, erzählt ihnen Lügen und hält ihnen wichtige Informationen vor.

Auf TikTok und Instagram findet eine weitere solche Erzählung immer mehr Anhänger:innen: die Verschwörungs-Bewegung “Birds Aren’t Real”. Riesige Plakattafeln begrüßen Autofahrer:innen in Pittsburgh, Memphis und Los Angeles mit ihrem Slogan, die Accounts der Organisation zählen hunderttausende Abonnent:innen, Youtube-Videos werden millionenfach geklickt. Der einzige Unterschied: Die Bewegung glaubt selbst nicht an ihre eigene Geschichte.

Vögel existieren nicht

“Birds Aren’t Real” ist ähnlich aufgebaut wie viele gängige Verschwörungstheorien. Die Anhänger:innen behaupten öffentlich, dass Vögel nicht mehr existieren würden. Was wir heute als Vögel kennen, seien in Wirklichkeit mit Federn getarnte Drohnen, welche seit den 1970er Jahren von der US-Regierung dazu eingesetzt würden, die Bevölkerung auszuspionieren. Sieht man sie auf Stromleitungen sitzen, machen die Roboter kurz Pause um aufzuladen. Soweit, so skurril.

Doch nicht nur in ihren Erzählungen, sondern auch in ihrem Auftreten ähnelt die Organisation Verschwörungs-Bewegungen wie Qanon. So versammelt sich auch die Gefolgschaft von “Birds Aren’t Real” hinter einem charismatischen Anführer. Hierbei handelt es sich nicht um einen mysteriösen Unbekannten wie “Q”, sondern um den Youtuber Peter McIndoe.

Der charismatische Anführer

Der 23-jährige McIndoe schmiss vor vieren Jahren das College und gründete die Organisation am Rande eines Women’s March in Memphis aus einem spontanen Spaß. Um sich über den rechten Gegenprotest lustig zu machen, schrieb er die drei Wörter auf ein Schild und hielt es in die Höhe. Videos von McIndoe gingen innerhalb kürzester Zeit auf Facebook viral und in ganz Memphis entwickelte sich ein Kult um die Behauptung. Graffitis und Sticker waren nach ein paar Wochen in der ganzen Stadt zu sehen.

Zusammen mit einem Freund begann er weiter an dem Scherz zu arbeiten. Sie erstellten eine falsche Geschichte um die Bewegung, heuerten einen Schauspieler als CIA-Agenten an, der zugab an der geheimen Operation beteiligt gewesen zu sein und verkauften Merchandise im Wert von mehreren tausend US-Dollar. So führten sie übliche Praktiken von Verschwörungs-Theoretiker:innen erfolgreich ad absurdum. Lokale Medien sprangen wenig später auf den Zug auf und berichteten über die Organisation und ihre Anschuldigungen.

Bis zuletzt trat Peter McIndoe ununterbrochen in seiner Rolle als ernsthafter Glaubensanführer auf. Er besuchte Fernsehsendungen und gab Interviews. Viele schenkten ihm in seiner Rolle des verrückten Kultanführers Gehör. Nun hat er in einem Interview mit der “New York Times” erstmals den satirischen Charakter der Organisation öffentlich eingeräumt und begründet. “Birds Aren’t Real” ist aus seiner Sicht eine medienkritische und parodistische Bewegung mit dem Ziel, den Wahnsinn von Verschwörungsmythen darzustellen und sich über sie lustig zu machen.

“Birds Aren’t Real” ist Teil der Troll-Kultur

McIndoe ist vor allem vom Internet sozialisiert worden. Als Kind ultrareligiöser und konservativer Eltern aus Ohio waren es die soziale Netzwerken, welche ihm in seiner Jugend erstmals Zugang zu liberalen Weltanschauungen boten. “Mein gesamtes Verständnis der Welt wurde vom Internet geformt”, erzählt der 23-Jährige heute. “Der einzige Zugang zu unabhängiger Bildung waren Dokumentationen auf Youtube“.

Wie Peter McIndoe geht es vielen Menschen der sogenannten Generation Z, Kinder und Jugendliche zwischen 9 und 24 Jahren. Sie sind in einer amerikanischen Medienlandschaft aufgewachsen, die von Parteilichkeit und Falschinformationen geprägt ist. Und genau diese nutzt “Birds Aren’t Real” aus, um sie zu kritisieren.

Inzwischen ist aus “Birds Aren’t Real” eine ernstzunehmende politische Bewegung geworden. Die Anhäger:innen haben sich aus dem Netz getraut und stehen in vielen Teilen des Landes auch in der realen Welt für unabhängige Informationen und liberale Werte ein. So kaperte die “Bird Brigade”, wie sich die Gefolgschaft getauft hat, vor kurzem einen religiösen Aufmarsch für härtere Abtreibungsregeln. Sie störten die Demonstration so lange, bis sich die Veranstalter:innen gezwungen sahen, den Protest abzubrechen. An einem anderen Tag protestierten “Birds Aren’t Real”-Anhängerinnen vor der Zentrale des Kurznachrichtendienst Twitter dafür, den Vogel aus dem Logo des Tech-Konzerns zu entfernen.

An dieser Stelle hat unsere Redaktion Inhalte aus Instagram integriert.

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Es ist diese Mischung aus anhaltender Satire und ernsthaften Absichten, auf welcher der Erfolg der Bewegung fußt. Sie leitet sich aus der Netzkultur des Trollings ab, die darauf abzielt bestimmte Bevölkerungsgruppen emotional zu provozieren um damit absichtlich einen Disput zu entfachen. Trolling kristallisiert sich immer mehr als die Sprechart der Generation Z heraus, mit welcher sich die Jugendlichen gegen festgefahrene Machtstrukturen und ihre Eltern auflehnen. Weitere prominente Beispiele sind der kurzzeitige Erfolg der Gamestop-Aktie an der Wall Street oder der Internet-Wahlkampf des ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump.

Flucht aus den sozialen Medien

Den Vorwurf rechte Verschwörungstheorien, Qanon oder Trump durch ihre Bewegung zu stützen, wollen die Organisatoren von “Birds Aren’t Real” nicht gelten lassen. Sie bedienen sich lediglich ihren Methoden und halten ihnen so einen Spiegel vor. So bekämpfen sie nach eigenem Bekunden Irrsinn mit Irrsinn. Es ist kein kritischer Blick von außen, sondern eine Auflehnung tief aus dem Hasenbau – und der Erfolg scheint ihnen Recht zu geben.

Mit seiner öffentlichen Rolle will Peter McIndoe nun auch eine neue Phase der Bewegung einleiten. Er meint, die Leute, die wirklich an ausspähende Drohnen in Form von Vögeln glauben, würden es auch bei jeder anderen Erzählung tun. Sie seien nicht mehr zu retten. “Birds Aren’t Real” hingegen soll ein Ort bleiben, um den vielen Falschinformationen der sozialen Medien für einen Moment zu entkommen und über sie zu lachen.

Quellen: The New York Times, Mitteldeutscher Rundfunk, Snopes.com



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