Was für ein Spektakel: Am Wochenende ermittelte die NFL ihre beiden Super-Bowl-Finalisten. Für deutsche Fußballfans womöglich der Anlass, ins Grübeln zu kommen. Denn das Football-Spektakel bot viel spannendere Unterhaltung als die Bundesliga. Warum ist das so?

Es war ein Zufall des Rahmenterminkalenders, aber ausgerechnet am Wochenende, als die Fußball-Bundesliga pausierte, zeigte die National Football League (NFL) in den USA, warum American Football den Sportfans derzeit womöglich die bessere Unterhaltung bietet. Dort wurden in den Conference Championships die beiden Super-Bowl-Teilnehmer ermittelt. Und deutsche Fußballfans, die sich die beiden dramatischen Partien zwischen den Kansas City Chiefs und den Cincinnatti Bengals (24:27 nach Verlängerung) bzw. den Los Angeles Rams und den San Francisco 49ers (20:17) angeschaut haben, könnten ins Grübeln geraten, ob sie beim Bundesliga-Fußball noch richtig aufgehoben sind.

Es reicht allein der Blick auf die Meister der vergangenen zehn Jahre, der zeigt, was der Bundesliga derzeit abgeht: nämlich ein Wettbewerb, der den Namen tatsächlich verdient. Neun Mal in Folge prangt auf der Meisterschale inzwischen der Name Bayern München. Und man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass es auch in diesem Frühling irgendwann wieder heißt: “Deutscher Meister wird nur der FCB.”

In der NFL hingegen gab es in den vergangenen zehn Jahren zwar auch dominierende Teams wie die Kansas City Chiefs oder New England Patriots. Allein: Dort holten sieben verschiedene Teams die Meisterschaft, lediglich New England gelang es, die Vince Lombardi Trophy mehrmals zu gewinnen (drei Titel).

Und so klingt es wie ein Treppenwitz, dass ausgerechnet in der Liga, die als die durchkommerzialisierteste der Welt gilt, eine reine Vermarktungsmaschine, in der jede noch so geringe Spielunterbrechung zu Werbepausen, Trailern oder Teasern genutzt wird, das ausgerechnet in diesem durch und durch kapitalistischen System trotz allem der Sport im Mittelpunkt steht. In der Bundesliga hingegen, die sich so viel einbildet auf Tradition, Fankultur und Nähe zum Spiel, die aber längst unter all den Widersprüchen im Dreieck aus Fans, Kommerz und sportlichem Wettbewerb ächzt, ausgerechnet in der Liga, in der sich Sport-Sozialromantiker immer noch so gern zu Hause fühlen würden, machen sich Langeweile und Desinteresse breit.

Da stellt sich die Frage: Gibt es eigentlich Dinge, die die Bundesliga von der NFL lernen kann? Und in der Tat fallen einem da ein, zwei Sachen ein. Die da lauten:

Chancengleichheit wiederherstellen

Das derzeitige System fördert eine Zweiklassengesellschaft in der Bundesliga. Im oberen Drittel die Vereine, die entweder mit dauerhaften Kapitalzuflüssen von Unternehmen oder Mäzenen rechnen (Leverkusen, Wolfsburg, Leipzig, Hoffenheim) oder durch regelmäßige Teilnahme an der Champions League ihr Finanzpolster aufbessern können (der an der Börse notierte BVB aus Dortmund, zuletzt Gladbach). Dahinter folgt das Gros der Klubs, für die es Jahr um Jahr eigentlich nur darum geht, die Klasse zu halten. So lange dieses System nicht aufgebrochen wird, wird jeder echte Wettbewerb im Keim erstickt. Und statt Spannung beim Kampf um den Titel bleibt den Fußballfans nur noch das große Gähnen.

Salary Cap und Draft-System

Serienmeister wie die Bayern gibt es in der NFL nicht. Und das ist kein Zufall. Dort hat man ein System der “Competitive Balance” etabliert, also Regeln, die zu jedem Zeitpunkt die Wettbewerbsfähigkeit eines jeden Teams sicherstellen sollen. Ein Baustein dabei: Jedes Team verfügt über den gleichen Spieleretat (den sogenannten “Salary Cap”). Das heißt: Transfers und Gehälter zu Mondpreisen, wie sie im Europäischen Fußball mittlerweile Gang und Gäbe sind, kommen in der NFL nicht vor. Ein Paris St. Germain oder Manchester City kann es nicht geben. Zwar könnte man sich womöglich einen Top-Star vom Schlage eines Messi oder Mbappé leisten, müsste dann aber in Kauf nehmen, dass eben jener Superstar mit lauter Kreisliga-Kickern spielen müsste, weil man sonst den vorgegebenen Etat reißt. Durch dieses System wird die Kaderplanung zu einem wichtigen Element des Betriebs. Einfach mit viel Finanzkraft eine Mannschaft zusammenzukaufen, wie es die Klubs aus England oder Spanien derzeit vormachen (und dabei Schulden bis zur Besinnungslosigkeit anhäufen), ist nicht drin. Der “Salary Cap” sorgt für einen finanziell fairen Wettbewerb.

Zweiter Baustein für die Chancengleichheit ist das Draft-System. Dabei geht es um Verteilung der besten Nachwuchsspieler auf die jeweiligen Mannschaften. Kurz gesagt funktioniert es so, dass sich das mieseste Team der letzten Saison als Erstes aus dem Nachwuchspool der Colleges bedienen kann. Dann das zweitschlechteste Team, das drittschlechteste usw.. Der amtierende Super-Bowl-Champion kommt erst als Letzter zum Zug. Auf die Bundesliga übertragen hieße das, dass Talente vom Schlage eines Jamal Musiala oder Youssoufa Moukoko ihre erste Profi-Station in Fürth oder Bielefeld absolvieren würden, statt gleich in München oder Dortmund einzusteigen und dort die eh schon übermächtigen Kader weiter zu verstärken. So ist sichergestellt, dass der sportliche Wettkampf ausgeglichen ist.

Playoff-Modus

Vorbei die Zeiten, als Uli Hoeneß einst gesagt hat: “Der Nikolaus war noch nie ein Osterhase” und damit auf die Tabellenführung eines anderen Klubs als den Bayern zu Weihnachten anspielen wollte. Heute ist es so, dass Nikolaus und Osterhase auf den immer gleichen Namen hören. Spieltag für Spieltag ergibt sich ein Déjà-vu: Oben thronen die Bayern, mit respektvollem Abstand folgen Teams aus Leverkusen, Leipzig, Wolfsburg, Hoffenheim. Ausnahmen wie derzeit Freiburg oder ab und zu mal die Gladbacher Borussia bestätigen die Regel.


Kicker Adam Lennon schießt mit dem rechten Fuß einen Football in die Luft.

Wie groß das Problem ist, spüren auch die TV-Sender an den Quoten ihrer teuer eingekauften Live-Spiele. Regelmäßig ist inzwischen das Phänomen zu beobachten, dass Partien aus der Zweiten Bundesliga, wo derzeit viele Publikumsmagnete wie Schalke, Bremen oder der HSV spielen, mehr Menschen vor den Fernseher locken, als es die Bundesliga mit Paarungen wie Fürth gegen Bielefeld oder Augsburg gegen Bochum vermag. Nichts gegen Fürth, Bielefeld, Bochum, die Klubs verdienen jeden Respekt, sich Woche für Woche dem übermächtigen Wettbewerb zu stellen. Aber der Reiz für Fans, die nicht aus der Region kommen, ist doch eher überschaubar.

Für die TV-Sender muss das ein Alarmsignal sein. Erst kürzlich hat der Streaming-Dienst Dazn die Preise für Neukunden drastisch erhöht. Nur so lässt sich offenbar die jüngste Rechteoffensive refinanzieren. Aber die Rechnung könnte trotzdem nicht aufgehen, weil das “Produkt Bundesliga” für eine Vielzahl von Fans derzeit nicht interessant genug ist.

Ein Playoff-System wie in der NFL würde Abhilfe schaffen. In der “Regular Season” bestreiten dort die 32 Mannschaften je 16 Spiele, ermitteln so die jeweils besten ihrer Division. Die zwölf besten Teams kommen in die Playoffs (acht Divisionsgewinner und die vier Sieger der sogenannten “Wild Card Games”.) Erst dort geht es im K.o.-Modus um den Titel. Nur ein Spiel, wer verliert, fliegt raus. Das sorgt für Spannung im Titelkampf bis zum Schluss. Die Bayern könnten monatelang die Tabelle anführen. Aber im Playoff trotzdem an Mainz oder Union Berlin scheitern. Womöglich setzen sie sich aber auch durch, wie sie ja auch die Champions-League vor zwei Jahren im Playoff-Modus gewonnen haben.

Allein: Die Spannung wäre bis zum letzten Spieltag hoch und endlich würde der Lehrsatz von Sepp Herberger wieder gelten: “Fußball ist deshalb so spannend, weil keiner weiß, wie’s ausgeht.”



Source link

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.