Im wilden Nordwesten Victorias ist das Land flach wie ein Pfannkuchen. Hier prägt großflächiger Weizenanbau die Gegend. Ab und an wachsen einige Gumtrees, in deren Schatten sich einsame Farmhäuser mit ihren Wellblechdächern ducken.

Nur bei einigen Orten ragen kilometerweit sichtbare Getreidesilos wie andernorts Kirchtürme in die Höhe. Sie stehen neben einer Bahnlinie, doch haben sie ihre ursprüngliche Funktion längst eingebüßt und sind vom Verfall bedroht.

Kunst statt Getreide

Mehrere dieser Bauwerke aus den 1930er Jahren sind zu Leinwänden von Künstlern geworden. Was als kleines Projekt in dem Ort Brim mit Bildnissen örtlicher Farmer 2016 begann, wurde in den vergangenen Jahren zum Silo Art Trail, einer einzigartigen Freiluftgalerie mit den Werken internationaler Künstler. 

Auf der 200 Kilometer langen Strecke zwischen den Orten Rupanyup im Süden und Patchewollock im Norden gibt es inzwischen zahlreiche bemalte Silos. Am eindrucksvollsten sind die vier Gesichter des Künstlers Adnate aus Melbourne in Sheep Hills. Diese vier Porträts signalisieren: Es gibt hier eine Vergangenheit der indigenen Bevölkerung.

“Meine Haut ist weiß, aber mein Herz ist schwarz”, sagte Ron Marks, der das Kunstprojekt vorantrieb und Pate für das linke Abbild war. Seit tausenden von Jahren haben seine Aborigines-Vorfahren vom Stamm der Wergaia das Land bewirtschaftet, erzählt er im Gespräch mit dem stern. Das überdimensionale Kunstwerk mit dem Sternenhimmel und seinen Verwandten Regina und seinen beiden Cousinen Savannah und Curtly “öffnet den Besuchern die Augen, dass die Aborigines-Kultur lebendig ist”.

Von der Rock Art zur Street Art

Ortswechsel in die Metropole Melbourne. In den Galerien blüht das Geschäft mit der Kunst der Aborigines, wobei Dot Paintings für Aboriginal Artists in Victoria eher untypisch sind. Erst in den 1930er Jahren begann der Prozess, andere Oberflächen als Stein zu nutzen und Papier und Leinwand als Untergrund zu verwenden.

Einst als als indigene Volkskunst oder Kunsthandwerk abqualifiziert werden die Werke heute im Ian Potter Centre ausgestellt, einem Neubau der National Gallery of Victoria (NGV) am Federation Square in Melbourne. “Marking Time” heißt die Ausstellung, die sich mit den jüngsten Trends  zeitgenössischer Kunst beschäftigt. Ganz vorn dabei: die Arbeten indigener Künstler.

“Wir haben 56.000 Jahre Kunstgeschichte in diesem Land”, sagt Myles Russell-Cook, der Kurator der Indigenous Art Gallery der NGV, “und in der Gegenwart geht die Entwicklung weiter.” In der Sammlung sind neben klassischen Werken, die sich mit der Schöpfungsgeschichte und der starken Identifikation der Aborigines mit ihrem Land beschäftigen, auch Arbeiten mit Bewegtbildern in Videoclips, Neon-Skulpturen bis hin zu Pop Art zu sehen.

Bemerkenswert sind zwei kleinere Gemälde von H. J. Wedge, seiner Darstellung einer Nonne und eines Missionars. Der 2012 verstorbene Künstler hat die Konfrontation der Wiradjuri People mit der aufgezwungenen Christianisierung und der Assimilationspolitik der australischen Regierung dargestellt: Visualisiert hat er die schmerzhaften Erfahrungen über Generationen hinweg, die mit Zwangsumsiedlungen und Entfremdung verbunden war. Der Titel seines Werkes: “Immaculate conception – What hypocrisy”, übersetzt “Unbefleckte Empfängnis – was für eine Heuchelei”.



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